Versicherer in der Defensive

Der Bamberger Professor  Andreas Oehler hat den Lebensversicherern vorgerechnet, dass Falschberatung und daraus folgende vorzeitige Kündigungen die Kunden mehr als 16 Mrd. Euro jährlich kosten. Die Branche hat darauf wie üblich reagiert – und weigert sich nach wie vor, ernsthafte Alternativen vorzulegen. Trotz Weihnachtspause reagiert der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) in der üblichen robusten Weise. „Zahlen zu Verlusten mit Lebensversicherungen sind falsch“, titelt der Verband. Im Auftrag der Bundestagsfraktion der Grünen hatte der Bamberger Universitätsprofessor Andreas Oehler Kosten der Lebensversicherung untersucht. Das Ergebnis: Allein die vorzeitigen Kündigungen kosten die Bundesbürger rund 16 Mrd. Euro jährlich. Oehler macht hohe Stornoabschläge und Fehlberatung verantwortlich.

Der GDV antwortet wie immer mit einer Fundamentalkritik. Die Zahlen seien falsch, die Untersuchung werde von Wissenschaftler-Kollegen als unwissenschaftlich eingestuft.

Grundsätzlich argumentiert der Verband, dass nur der von der besonderen Güte deutscher Lebensversicherer profitiert, der den Vertrag auch durchhält. Das sei schließlich bei anderen Sparformen auch so. Mit 3,8 Prozent Verzinsung des Sparanteils 2012 stehe die Lebensversicherung besser da als die meisten Bankangebote. Und schließlich weisen die Lobbyisten darauf hin, dass sich ja nicht der Versicherer die „Stornogewinne“ aus Kündigungen in die Tasche steckt, sondern sie dem „Versichertenkollektiv“ zugute kommen.

All das stimmt – geht aber am zentralen Argument der Kritik vorbei. Die Branche kann den Kunden, die bis zum Ende durchhalten, tatsächlich eine ordentliche Rendite bieten. Aber das klappt nur deshalb, weil so viele Kunden nicht durchhalten und vorzeitig mit Verlust kündigen.

Die hohen Kündigungsquoten von 55 Prozent bis 75 Prozent, die Oehler beschreibt, sind das Ergebnis des Provisionssystems. Versicherungsvertreter müssen viele Lebens- und Krankenpolicen verkaufen, wenn sie überleben wollen. Da werden jungen Menschen Verträge verkauft, die unflexibel sind, hohe Kostenladungen haben – und bei Scheidung, Hausbau, Krankheit oder Arbeitslosigkeit als erstes gekündigt werden.

Die Versicherungsbranche hat sich von ihrem eigenen Produkt Lebensversicherung in Geiselhaft nehmen lassen. Immer noch hat sie mit 255.000 registrierten Versicherungsvermittlern viel zu viele Verkäufer. Um sie zu ernähren, muss sie das Neugeschäft forcieren. Gleichzeitig hat sie jahrelang aus Verkaufsgründen, nicht aus Menschenfreundlichkeit, Garantiezinsen von vier Prozent ausgelobt, die heute schwer zu verdienen sind. Insgesamt ist die Lebensversicherung für die meisten Anbieter zumindest heute kein lukratives Geschäft mehr.

Natürlich hat das vor allem mit den niedrigen Zinsen zu tun. Natürlich ist das nicht die Schuld der Versicherer. Aber wahr ist auch: Wer heute seinen Kunden nur noch 1,75 Prozent Zinsgarantie zusagen kann, aber immer noch Vertriebskostensätze von vier Prozent und mehr der gesamten eingezahlten Beiträge braucht, ist bald nicht mehr wettbewerbsfähig. Dann hilft auch die geballte Vertriebsmacht nicht.

Bei vielen Versicherern hat das Umdenken schon lange eingesetzt. Neue Vertragsformen, mehr Flexibilität, niedrigere Kosten sind nötig – und vor allem brutale Transparenz. Doch es reicht nicht, wenn die Branche bei neuen Angeboten anders auftritt. Sie muss auch bei bestehenden Verträgen nachbessern, vor allem mehr offenheit bei Kosten und Kündigungsquoten an den Tag legen. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass die Branche dafür die Kraft findet.

Dann machen das eben die Politiker. Die Branche wird wie gewohnt zutiefst beleidigt sein und auf die eigentlichen Probleme nicht eingehen.

Quelle: Capital.de

 

 

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