Wie Sie fehlende Zähne versichern können

Ist ein Zahn futsch, ist es für eine Zusatzversicherung zu spät. Oder doch nicht? Einige Gesellschaften versichern fehlende Zähne mit, Ergo Direkt verspricht sogar die Kosten für bereits begonnene Behandlungen zu erstatten. Welche Angebote sich für Verbraucher rechnen.

Irgendwann war klar: Die Wurzelbehandlung ist gescheitert, der Backenzahn muss gezogen werden. Als der 32-Jährige die Kosten erfuhr, die für den Zahnersatz auf ihn zukommen, klingelten ihm die Ohren: mit rund 3000 Euro muss er für das Implantat rechnen, so der Arzt. Von seiner Krankenkasse kann der junge Mann nur  wenig finanzielle Unterstützung erwarten. Knapp 400 Euro übernimmt sie für den fehlenden Zahn, auf dem Rest bleibt der Patient sitzen.

Denn die gesetzliche Krankenversicherung kommt nur für 50 Prozent der Kosten für die Regelversorgung auf. Bis zu 65 Prozent erstattet die GKV, wenn Patienten ihr Bonusheft in den vergangenen Jahren lückenlos geführt haben und regelmäßig bei der Vorsorge waren. Wer aber mit einer Brücke nicht zufrieden ist – der Standardlösung bei einem fehlenden Zahn – und sich stattdessen für das elegantere, aber dafür deutlich teurere Implantat entscheidet, kann nur einen erheblich geringeren Anteil der Gesamtrechnung über die Kasse abrechnen.

Wenn ein Zahn nicht mehr zu retten ist, bereuen viele Patienten, dass sie keine Zahnzusatzversicherung abgeschlossen haben. Denn jetzt noch einen Vertrag zu unterschreiben, bringt für die anstehende Behandlung nichts. Die meisten Zahnzusatzversicherer schließen bereits geplante Reparaturen am Gebiss aus, zudem sehen die Verträge in der Regel Wartezeiten von mehreren Monaten vor.

Einige Anbieter sehen das als Marktlücke. Sie bieten Kunden unter bestimmten Umständen die Mitversicherung von bereits gezogenen oder fehlenden Zähnen an. Der Versicherer Ergo Direkt geht mit dem Tarif Zahn-Ersatz-Sofort noch weiter: Er will sogar für bereits begonnene Behandlungen einspringen. „Das Revolutionäre daran ist, dass man diesen Schutz quasi vom Behandlungsstuhl aus abschließen kann“, sagt ein Unternehmens-Sprecher von Ergo Direkt.

Kunden müssen jedoch genau nachrechnen, ob sich das in ihrem Fall lohnt. Denn der Schutz ist nur unter bestimmten Voraussetzungen sinnvoll. Für über 21-Jährige kostet der Vertrag 29,90 Euro im Monat, jüngere Patienten müssen etwas weniger zahlen. Dafür bietet der Versicherer eine Zuzahlung in Höhe des Festzuschusses der gesetzlichen Krankenversicherung inklusive eventueller Bonuszahlungen für regelmäßige Vorsorge. Für ein 3000 Euro teures Implantat gibt es also 400 Euro von Ergo Direkt zusätzlich zu den 400 Euro der Krankenkasse. Den Löwenanteil von 2200 Euro muss der Patient  selbst tragen.

Das Angebot macht unter dem Strich nur dann Sinn, wenn während der Mindestvertragslaufzeit von zwei Jahren viele Reparaturen nötig sind: Insgesamt 717,60 Euro kommen in dieser Zeit nämlich an Beiträgen zusammen. Erst wenn die Leistungen der GKV und damit die der Zusatzpolice diesen Betrag übersteigen, sind Patienten in den schwarzen Zahlen. Alle anderen zahlen drauf.

Und: Ergo Direkt kommt wie alle Zahnzusatzversicherer nur für medizinisch notwendige Behandlungen auf. Wer die Zusatzpolice für eine ästhetische Rundumerneuerung nutzen will, wird enttäuscht. Immerhin: Der Tarif leistet ohne Wartezeit, und die jährlich möglichen Leistungen sind nicht begrenzt.

Andere Anbieter gehen nicht so weit wie Ergo Direkt, werben aber damit, dass sie fehlende Zähne mitversichern. Dazu gehören die Hanse-Merkur mit dem Tarifpaket EZ + EZT und die Axa mit den Policen Dent Premium-U und Dent Komfort-U. Bei allen Tarifen können höchstens drei fehlende Zähne mitversichert werden.

Aber Vorsicht: Damit ein Versicherer für die Behandlung wirklich leistet, darf sie nicht vor Vertragsabschluss vom Zahnarzt angeraten, geplant oder begonnen worden sein. Maßgeblich ist dafür im Fall der Axa das Datum der Genehmigung einer Behandlung durch die zuständige gesetzliche Kasse, sagt eine Sprecherin. „Wenn nach Zustandekommen des Vertrages der Kunde Rechnungen bei uns einreicht, ziehen wir das Ausstellungsdatum, beziehungsweise das Datum der Genehmigung durch die gesetzliche Krankenkasse als maßgeblichen Behandlungsbeginn heran“, sagt sie.

Für einen 32-Jährigen kostet der Vertrag der Hansemerkur 20,79 Euro, mit zunehmendem Alter steigen die Prämien an. Dafür übernimmt der Versicherer Kosten von 90 Prozent auf die Rechnung für Zahnersatz, Inlays und Implantate. Für jeden fehlenden Zahn müssen Kunden außerdem einen monatlichen Risikozuschlag von drei Euro bezahlen. Im ersten Vertragsjahr sind die Leistungen auf maximal 600 Euro, im ersten und zweiten Jahr zusammen auf 1200 Euro begrenzt.

Der Tarif Dent Premium-U von Axa kostet denselben Kunden 21,02 Euro. Auch hier steigt der Beitrag alle paar Jahre. Der Versicherer übernimmt 85 bis 90 Prozent der Kosten für Zahnersatz, die Leistung der Kasse mit eingerechnet. Fehlt dem Versicherten ein einziger Zahn, ändert das weder etwas am Leistungsumfang noch gibt es einen Risikozuschlag. Hat er zwei oder drei Lücken, verlängert sich die Zeitstaffel, in der die jährlichen Erstattungen auf einen Höchstbeitrag begrenzt sind, von vier auf acht Jahre. Das heißt: gibt es mit nur einem fehlenden Zahn im ersten Jahr 1000 Euro und im ersten und im zweiten Jahr zusammen 2000 Euro, ist es bei zwei oder drei Lücken jeweils nur die Hälfte.

Patienten, die darauf spekulieren, einen kürzlich gezogenen Zahn mit einer der Policen abzusichern, weil noch kein Heil- und Kostenplan oder Aktenvermerk über eine anstehende Behandlung existiert, kommen damit kaum durch. Denn reicht ein Neukunde kurz nach Ablauf der mehrmonatigen Wartefrist die Rechnung für Zahnersatz ein, werden die Versicherer misstrauisch, sagt Thorsten Rudnik vom Bund der Versicherten. „Wenn es verdächtig schnell zum Leistungsfall kommt, wird der Versicherer den behandelnden Zahnarzt fragen, wann genau sich die Notwendigkeit für die Behandlung ergeben hat“, sagt er. Zweifelt die Gesellschaft an der Richtigkeit der Angaben, wird sie auch andere Zahnmediziner zur Plausibilität des geschilderten Ablaufs befragen, erklärt er.

In den meisten Fällen dürfte ein Versicherer zu Recht anzweifeln, dass sich die medizinische Notwendigkeit für Zahnersatz erst im Nachhinein ergeben hat, glaubt ein Sprecher der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung. „Grundsätzlich muss ein fehlender Zahn umgehend ersetzt werden“, sagt er. Andernfalls drohe, dass benachbarte Zähne ihren Halt verlieren.

Quelle: Capital.de


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