Endspiel für die PKV

Die Bundestagswahl 2013 wird entscheidend für die Zukunft der Vollversicherung, tönen die privaten Anbieter. Dabei wissen sie genau: Das Ende des dualen Systems ist längst eingeläutet.

Herbert FrommeDie Wahlprogramme von SPD, Grünen und Linken enthalten die klare Ansage, dass die Parteien die private Vollversicherung abschaffen und durch eine Bürgerversicherung für alle ersetzen wollen. Die FDP hat sich für das jetzige System ausgesprochen, die CDU wird es wohl auch tun, wenn auch die Zahl der Unterstützer für die heutigen Verhältnisse täglich geringer wird.

Deshalb sei die Wahl zum Bundestag im September die Schicksalswahl für die private Vollversicherung, argumentiert die Branche. Doch in Wirklichkeit hat das Ende der Dualität längst begonnen.

Seit Jahren sorgen die Gesundheitspolitiker der unterschiedlichsten politischen Farben dafür, dass die Systeme sich angleichen. Basistarif und Annahmezwang für bestimmte Gruppen in der PKV oder die  weitgehende Abschaffung der Kündigungsmöglichkeit durch den Versicherer sind Meilensteine auf dem Weg. Jüngstes Beispiel ist der Pflege-Bahr: Um ihn hatten gesetzliche Kassen und private Versicherer in Berlin heftig geworben. Die schwarz-gelbe Bundesregierung gab der PKV den Zuschlag – aber zu Bedingungen, die mit dem klassischen privaten System wenig zu tun haben. Annahmezwang und Wegfall der Gesundheitsprüfung gehören dazu. Die Branche selbst hat Problemfelder erkannt: nicht umsonst hat sich die Debeka bei gut verdienenden Kunden für einen begrenzten Zeitraum  geöffnet und jeden Antragsteller mit höchstens 30 Prozent Risikozuschlag versichert – und damit den Vorwurf der Rosinenpickerei gekontert.

Die Annäherung der Systeme ist eine Tatsache. Aber dennoch ist es möglich, dass eine neue Regierung das Messer radikaler ansetzen und die PKV-Vollversicherung ganz abschaffen will. Dagegen werden sich die meisten Versicherer wehren, aber nicht alle. Vor allem den großen Kapitalgesellschaften fällt auf, dass ein deutscher privater Krankenversicherer praktisch unverkäuflich ist. Wegen der hohen finanziellen und politischen Risiken meiden alle potenziellen Investoren dieses Geschäftsfeld.

Auch die Kundschaft dürfte in der Frage der Abschaffung der PKV geteilter Ansicht sein. Vor allem Jüngere wären empört, weil sie heute oft deutlich weniger als in der gesetzlichen Kasse zahlen und dennoch besseren Service bekommen. Doch viele ältere Versicherte, die Jahr für Jahr mit heftigen Beitragserhöhungen konfrontiert werden, fänden es gar nicht schlecht, wenn sie den Weg zurück in die gesetzliche Kasse – dann die Bürgerversicherung – finden würden.

Die niedrigen Zinsen sorgen dafür, dass die Beiträge der PKV weiter ansteigen. Schließlich beruht ihr Geschäftsmodell darauf, langfristig Mittel für die höheren Gesundheitskosten im Alter anzulegen. Wenn die Zinsen niedrig sind, müssen die Kunden mehr zahlen, damit die Rückstellungen ausreichen. Doch in der Politik kommen diese Erhöhungen nicht gut an. Kein Bundestagsabgeordneter, der nicht zahlreiche Briefe von verbitterten Rentnern mit hoher PKV-Rechnung vorliegen hat.

Das hat schon jetzt zu deutlich geringerer Begeisterung für die PKV bei CDU und CSU geführt. Für den PKV-Verband ist Rot-Grün das Schreckgespenst. Doch ich glaube, dass die Branche auch bei einer großen Koalition oder bei Schwarz-Grün nicht sicher vor schmerzhaften Eingriffen wäre. Der Widerstand bei CDU/CSU gegen einen Gesundheitsminister von der SPD oder den Grünen, der die PKV auf das Angebot von Zusatzdeckungen reduzieren will, wäre vermutlich sehr gering.

Quelle: Capital.de


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