Googles Weckruf

Das Internet-Unternehmen Google wird Versicherungsvermittler, Volkswagen tritt mit einer eigenen Versicherungstochter an. Für die deutschen Autoversicherer wird es eng. Die meisten Anbieter haben darauf noch keine Antwort.

Herbert FrommeVergleichsweise entspannt gehen die deutschen Autoversicherer in das Jahr 2013. Die Preise sind im vergangenen Jahr um sieben Prozent gestiegen, während die Schadenentwicklung unauffällig verläuft. Die allermeisten Gesellschaften dürften 2013 sehr gute Gewinne einfahren. Die Sparte ist für die Versicherer von größter Bedeutung: Sie brachte 2012 satte 21,9 Mrd. Euro als Beiträge in die Kassen. Und weil es sich um eine Pflichtversicherung handelt – jeder Autohalter muss sich versichern –  gilt sie in vielen Gesellschaften immer noch als Türöffner für andere Geschäfte.

Die von Capital.de gemeldete Entscheidung des Suchmaschinenbetreibers Google, noch in diesem Jahr mit einem eigenen Vergleichsportal für Autoversicherungen zu starten, könnte die gute Laune in mancher Vorstandsetage trüben. Denn Googles Plan enthält die klare Ansage, dass die Musik in der Autoversicherung künftig im Internet spielt – und nicht mehr in den Büros der Versicherungsvertreter.

Heute werden in Deutschland rund 20 Prozent aller Autoversicherungen online abgeschlossen. In Großbritannien liegt die Zahl bei 60 Prozent. Dass der Wert hierzulande steigen wird, liegt auf der Hand. Das heißt aber auch, dass die Online-Vermittler immer mehr die Maßstäbe setzen, wie eine Police auszusehen hat, damit sie verkaufbar ist. Das berühmte Aldi-Phänomen: Der Händler bestimmt Produkt und Design, der Hersteller führt nur noch aus. Der Kunde weiß gar nicht mehr, wo er versichert ist, sondern nur, wo er das Angebot gefunden hat: Bei Check24, Transparo oder eben Google. Die Versicherungsvertreter können dabei ohnehin kaum noch mithalten, die Makler suchen den Kontakt zu Online-Vergleichern, die inzwischen auch spezielle Angebote für Makler haben.

Es ist kein Zufall, dass fast parallel dazu der Volkswagen-Konzern gerade einen eigenen Autoversicherer gegründet hat. An der Gesellschaft hält VW 51 Prozent, die Allianz 49 Prozent. VW will mit der Versicherung Geld verdienen, das ist eine gute Nachricht für die übrigen Versicherer. Die schlechte: Der Konzern setzt seine Versicherungs- und Finanzierungsangebote auch ganz offen dafür ein, den Absatz bestimmter Modelle zu fördern. Da wird eine feste Leasingrate mit Versicherung angeboten, gleich, welches Risiko der Fahrer darstellt. Da gibt VW besonders günstige Deckungen für Modelle, die sonst schwer absetzbar sind. All das sorgt für Verwerfungen, die den übrigen Autoversicherern und ihren Vermittlern das Leben schwer machen – immerhin hat VW mit seinen Töchtern einen Marktanteil von 38 Prozent bei den Neuwagen.

2013 wird alles andere als ruhig für die Autoversicherer. Sie müssen dringend Antworten auf die Herausforderungen finden. Einige sind da schon ziemlich weit, aber ob ihre Lösungsversuche erfolgreich sein werden, muss sich noch zeigen. Die Allianz kooperiert mit VW als Juniorpartner. Online bewegt sie sich zweigleisig: Über Allsecur verkauft sie billige Policen, über einen besonderen Kanal können Kunden beim Vertreter Policen online abschließen und haben dann auch noch die Beratung. Die Absatzzahlen sind bislang ermutigend.

Die HUK-Coburg ist mit ihrer Tochter HUK24 bei weitem der größte Internet-Versicherer, spürt aber den großen Einfluss der Vergleichsportale. Als Reaktion haben die Coburger zusammen mit Talanx und WGV die Mehrheit am Portal Transparo übernommen. Auch hier ist nicht sicher, dass diese Liaison erfolgreich sein wird.

Für viele andere Anbieter gilt, dass sie keine kohärente Online-Strategie haben – oft aus Sorge, die eigenen Vertreter zu vergrätzen, oder weil sie einfach nicht daran glauben, dass der Internet-Vertrieb mehr als eine Mode ist. Aber selbst ein Versicherer, der niemals eine einzige Police online absetzen will, braucht eine gute Internet-Strategie, wenn er mit Kunden und Vermittlern im digitalen Zeitalter vernünftig kommunizieren will.

Und Google? Der Online-Riese agiert keineswegs aus einer Position der Stärke heraus. Google leidet unter der raschen Verbreitung von Smartphones und Tablet-Computern. Bei diesen Endgeräten wird es immer schwieriger, das bisherige Google-Modell mit teuren Anzeigen beizubehalten, über die Nutzer dann auf die Webseiten der Anzeigenkunden kommen. Deshalb sucht der Konzern dringend neue Geschäftsfelder, auf denen er seine Suchmaschinenmacht ausspielen kann. Klar ist auch: Google wird nicht der einzige Internet-Konzern bleiben, der diesen Weg geht. Wer sagt denn, dass Amazon nicht auch Versicherungen verkaufen kann? Die Autoversicherer haben keinen Grund, sich entspannt zurückzulehnen.

Quelle: Capital.de


Kategorien: Allgemein, Archiv