Versicherer im Pressenotstand

Das Verhältnis von Journalisten und Versicherern ist alles andere als einfach. Aber wer als Versicherer annimmt, die wichtigsten Probleme hätten ihre Ursache in der schlechten Presse, hat wenig von der jetzigen Lage verstanden.

Herbert FrommeDem Makler stieg beim Branchentreffen die Zornesröte ins Gesicht. „Wenn Sie und Ihre Kollegen nicht so einen Unsinn über die Lebensversicherung schreiben würden, würden wir auch verkaufen“, rief er. „Die Leute sind doch total verunsichert.“ Großer Beifall seiner Kollegen.

In Diskussionen mit Vermittlern und Vorständen kann man als Journalist viel lernen – auch darüber, wie der eigene Berufsstand betrachtet wird: nicht sehr positiv. Für viele in der Versicherungswirtschaft sind wir sensationslüsterne Nichtskönner, die ihre Unkenntnis über die Versicherungsbranche durch möglichst aggressive Überschriften zu verdecken suchen.

Die Assekuranz ist publizistisch unter Druck. Dabei geht es nicht in erster Linie um Fälle wie die Budapest-Sexreise oder den Skandalvermittler Göker. Vor allem Berichte über rabiate und langsame Schadenabwicklung, über Probleme der Lebensversicherer oder über die Preissteigerungen in der privaten Krankenversicherung machen den Gesellschaften zu schaffen.

Die Zeiten, in denen die Wirtschaftszeitungen die Pressemitteilungen der Gesellschaften eins zu eins abdruckten oder seitenlang Loblieder auf die Vorstände sangen, sind lange vorbei. Dazu tragen Veränderungen in der Presse selbst bei: Die meisten Blätter müssen um Auflage und Gewinne kämpfen, die Online-Konkurrenz tut vielfach weh, und eine neue Generation von Chefredakteuren sucht eher die zugespitzte Meldung als den betulichen Besinnungsaufsatz.

Aber die wichtigsten Gründe für die neue Nachrichtenpräsenz liefert die Assekuranz selbst. Die Skandale um Budapest oder Göker hat es wirklich gegeben, sie waren keine Erfindung der Presse. Die Lebensversicherer haben ein Riesenproblem mit den niedrigen Zinsen – und die konstanten Behauptungen der Unternehmen, eigentlich sei alles in Ordnung, das halte man ganz lange aus, machen uns nur noch misstrauischer. Und kaum ein Journalist, der nicht von massiven Preiserhöhungen der privaten Krankenversicherer bei sich selbst oder im Bekanntenkreis berichten kann.

Dazu kommt das gelegentlich unappetitliche Umfeld. Da telefoniert der Pressechef sofort nach einem kritischen Bericht – aber nicht mit dem Journalisten, der ihn geschrieben hat, sondern mit dem Chefredakteur. Da drohen Gesellschaften mehr oder weniger offen mit dem Entzug von Anzeigen. Da wird mit großem Geschütz der Presserechtler auf kleine Fehler geantwortet.

Ja, auch wir Journalisten haben Probleme. Kein Wunder, wenn die Redaktionen immer weiter ausgedünnt werden und viele von uns fünf oder sechs Branchen abdecken. Die Versicherungswirtschaft hat geschätzt die zehnfache Zahl an eigenen und von PR-Agenturen angeheuerten Mitarbeitern für die Pressearbeit. Die Qualität der Pressearbeit verbessert das nicht immer. Merke: Wenn ein Journalist einen Zusammenhang nicht versteht, gibt es meist einen Vorstand oder Pressesprecher, der ihn schlecht erklärt hat.

Der Knackpunkt bleibt: Die Versicherungswirtschaft hat große Probleme. Die meisten Gesellschaften möchten sie ungern in der Öffentlichkeit diskutiert sehen. Da liegt die Versuchung nahe zu tricksen, oder die Presse verantwortlich zu machen. Ich schlage als Motto das Zitat des PR-Chefs einen großen Versicherers vor, der vor einigen Jahren die Zeitenwende für sein Unternehmen einläutete. „Wir machen jetzt keine PR mehr, wir sagen jetzt die Wahrheit.“ Genau so soll es sein.

Quelle: Capital.de

 


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