Versicherer streiten über Notrettungen

GDV-Chef Hoenen lehnt im Gegensatz zu anderen in der Branche Auffanglösung um jeden Preis ab · FTD-Interview

Von Herbert Fromme, Berlin

Durch Deutschlands Versicherungswirtschaft geht ein Riss bei der Frage, ob die Branche notleidende Gesellschaften um jeden Preis stützen soll oder nicht. Rolf-Peter Hoenen, Präsident des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) und Chef der HUK-Coburg, sagte der FTD: „Wir haben die Marktwirtschaft. Es kann keine unbedingte Zusage geben, jedes Unternehmen aufzufangen.“ Das sehen Branchenvertreter wie Friedrich Schubring-Giese, Chef der Versicherungskammer Bayern, oder der LVM-Vorstandsvorsitzende Robert Baresel anders. Sie treten auch öffentlich dafür ein, mögliche Unternehmenszusammenbrüche auf jeden Fall zu verhindern. Sie fürchten eine Pleite wie jene der Mannheimer Lebensversicherung 2003 und deren Folgen.

„Wenn Unternehmen in Schieflage geraten sollten, wäre es zunächst der Anstrengung wert, diese aufzufangen“, sagte Hoenen zwar. Das sei in anderen Branchen nicht anders. „Das darf aber nicht um jeden Preis geschehen.“ Wenn niemand ein solches Unternehmen übernehmen wolle, dann müsse es auch untergehen können. Die Kunden würden jedoch kein Geld verlieren, genau dafür sei in der Lebensversicherung die Auffanggesellschaft Protektor da.

Hoenen sagte, die Versicherer seien bislang ein „stabilisierendes Element“ in der Krise gewesen. Keine Gesellschaft sei als Folge der Krise in eine Schieflage geraten. „Wir leben aber nicht auf der Insel der Seligen, sondern sind als Kapitalsammelstelle und Anleger auf ein funktionierendes Bankensystem angewiesen.“ Die Assekuranz hat rund 1100 Mrd.Euro angelegt, 60 Prozent davon bei den Banken.

Viele Lebensversicherer haben in den vergangenen Jahren vor allem fondsgebundene Policen verkauft, mit denen zahlreiche Kunden Geld verloren haben. „Diese Produktwelt ist von der Kapitalmarktsituation genauso betroffen wie zum Beispiel Investmentfonds“, sagte Hoenen. Jetzt müsse man den Kunden raten, die langfristigen Vorsorgeverträge durchzuhalten und auf sich erholende Kapitalmärkte zu setzen. Hoenen sagte, der Rückgang im Neugeschäft der Lebensversicherer entfalle zum größten Teil auf das Geschäft mit fondsgebundenen Policen, das naturgemäß unter den Folgen der Krise leide. Im Herbst will der GDV nun die vor Monaten angekündigte Imagekampagne starten.

„Auch in unseren Bilanzen sieht man natürlich die Spuren der Krise, vor allem Abschreibungen auf Aktienbestände“, sagte Hoenen. Jedoch habe die Branche seit der Aktienkrise 2002/03 ihr Risikomanagement erheblich verbessert. Selbst ein Totalausfall der Aktienbestände könne die Versicherer nicht umwerfen. Nur in Einzelfällen hätten sich Gesellschaften etwa bei bestimmten Banken sehr stark engagiert und „Diskussions- und Klärungsbedarf“ bei Wirtschaftsprüfern und Aufsicht gehabt. Eine Insolvenz des angeschlagenen Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate hätte dagegen auch der Versicherungsbranche ernsthafte Probleme gemacht, gestand Hoenen ein. Insofern profitiere auch die Assekuranz von der Staatshilfe für die Banken. „Wenn der Fall Hypo Real Estate eingetreten wäre, wäre das die allgemeine Kernschmelze für das gesamte Finanzsystem gewesen“, sagte er. Bei der Hypo Real Estate hat sich die Assekuranz auch direkt finanziell engagiert.

Die Krise könnte dazu beitragen, dass sich die seit Jahren fallenden Preise in der Schaden- und Unfallversicherung stabilisieren. Vor allem die Autoversicherung ist scharf umkämpft. „Wenn die Gesellschaften bei den Kapitalanlagen Abschreibungen vornehmen müssen, prüfen sie sicherlich, ob sie mit ihren Tarifen noch hart vor dem Wind liegen können“, sagte Hoenen. Er könne sich eine „langsame Bodenbildung“ bei den Preisen vorstellen. Allerdings sei gerade der Internetmarkt für die Autoversicherung weiterhin „extrem preisaggressiv“, weil Newcomer in den Markt drängten.

Hoenen wandte sich dagegen, dass die Politik bei geplanten Verschärfungen der Aufsichtssysteme Versicherer genauso behandelt wie Banken. „Wir müssen aufpassen, dass wir von Politik und Aufsicht nicht nach dem Motto behandelt werden, was für die Banken gut ist, ist auch immer für die Versicherer gut“, sagte er.

Hoenen lehnte die Pläne der Bundesregierung ab, der Finanzaufsicht BaFin zu ermöglichen, den Banken die Bedienung nachrangiger Anleihen zu verbieten. „Hier greift der Staat wieder in Vertragsgestaltungen ein“, sagte er. Wenn jemand einen Genussschein zeichne, wisse er, dass er auch am Verlust beteiligt werde. „Aber nachrangige Anleihen sind eine Stufe niedriger im Risiko und in der Verzinsung.“ Wenn diese Vollmacht für die BaFin komme, müsse sie damit sehr verantwortungsbewusst umgehen. „Sonst könnten wir die Lust verlieren, uns in diesen Anlageklassen zu engagieren“, sagte Hoenen. Die Versicherer haben rund 30 Mrd. Euro als Nachranganleihen bei Banken angelegt.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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