Im Abschwung zeigt sich Qualität

In der Krise kommt vieles ans Licht. Jetzt zeigt sich, ob dasRisikomanagement eines Unternehmens etwas taugt. Da sind Enttäuschungen nichtausgeschlossen

VON Herbert Fromme

und Anja Krüger

Jahrzehnte haben die Versicherungseinkäufer der Industrie gebraucht, ehe sie diese schnöde Bezeichnung gegen den schmückenden Titel Risikomanager – noch besser Risk-Manager – tauschen konnten. In Hunderten von Seminaren erklärten Berufene, warum Risikomanagement viel mehr ist als der Abschluss einer Versicherung.

In Gesetzen und Vorschriften legte das Parlament fest, dass jedes Unternehmen ein ordentliches Risikomanagement haben muss, dargestellt im Geschäftsbericht. Die jetzige Krise sollte eigentlich der Härtetest für das neue Konzept sein. Doch plötzlich verschwinden in großen europäischen Konzernen Führungskräfte, die sich Risk-Manager nannten, von der Bildfläche – einige verlassen die Unternehmen ganz, andere wechseln die Position.

Dahinter stecken offenbar sehr unterschiedliche Auffassungen zwischen Unternehmensführung und Risikomanagern über die jeweiligen Rollen. Einige Konzerne haben sich mit der Konstruktion eines allzuständigen Risikomanagers in falscher Sicherheit gewähnt. Mancher Vorstand hat geglaubt, er habe die Risiken an einen Mitarbeiter ausgelagert. Kein Wunder, dass es kracht, wenn die Krise trotzdem zuschlägt.

Inzwischen warnen auch ernstzunehmende Stimmen aus der Branche davor, den Begriff Risikomanagement allzu eng auf eine Person oder Abteilung im Unternehmen zu fokussieren. „Einen Risikomanager in dem Sinne, wie er oft verstanden wird, kann ich mir schwer vorstellen“, sagt Stefan Sigulla, Versicherungschef bei Siemens und Vorsitzender des Deutschen Versicherungs-Schutzverbands (DVS). Der DVS vertritt Unternehmen in Versicherungsfragen.

„Risiken gibt es immer nur zusammen mit Chancen“, erklärt Sigulla. „Eigentlich kann man das Risiko nicht allein managen. Risiken und Chancen abzuwägen, ist aber Aufgabe der Leitung eines Unternehmens.“ Der Begriff des Risikomanagements als separater Funktion sei „eigentlich nicht zielführend“, sagt Sigulla. „Man braucht ein ordentliches Risiko-Berichtswesen und ein Bewusstsein von den Risiken.“ Er sei deshalb sehr froh, als Verantwortlicher für den Risikotransfer zu Versicherungen zu arbeiten.

Die Spitzenmanager wissen um die fundamentale Bedeutung dieser Aufgaben. „In der Krise gibt es zwei Hauptthemen, um in ordentlichem Zustand zu überleben: Risikomanagement und gute Personalführung“, erklärt Henri de Castries, Konzernchef des französischen Versicherungskonzerns Axa.

Dasselbe gilt für andere Branchen, in denen es nicht um Milliarden an Kapitalanlagen und Versicherungsrisiken geht. Experten wissen, dass bestimmte Schaden- und Risikophänomene abhängig sind von Wirtschaftszyklen. So werden durch die Krise sehr wahrscheinlich die Feuerschäden bei großen Bauprojekten deutlich zunehmen. Das gilt gerade für Länder, in denen die Baubranche jahrelang einen Boom erlebte, wie das hochhaushungrige Dubai. Der Grund: Bauunternehmen versuchen, Kosten zu sparen, arbeiten mit weniger qualifizierten Leuten und gehen gelegentlich laxer mit bestimmten Sicherheitsvorschriften um, wenn deren Umsetzung teuer ist.

„Großfeuer könnten deutlich zunehmen“, sagt Christian Bendel, Bauingenieur beim Rückversicherer Münchener Rück. Bei Großprojekten ist die Münchener Rück oft direkt mit dem Endkunden im Gespräch und nimmt deshalb auch Einfluss auf das Risikomanagement. Brände bei Mega-Hochhäusern, wie sie in Dubai, Malaysia oder Schanghai in Serie entstehen, sind Albträume für Versicherer und Bauunternehmen.

Die Münchener Rück hat deshalb Brandschutzauflagen erstellt, deren Einhaltung die eigenen Bauingenieure vor Ort überwachen. Dazu gehört die vorgezogene Installation von Leitungen für Löschwasser bis in die Spitze des Gebäudes. „Die Gebäude sind so hoch, dass die Feuerwehr nicht hinaufkommt“, erklärt Bendel. Bevor Schweißarbeiten beginnen oder brennbare Materialien verarbeitet werden, ist es nach Ansicht der Versicherer zwingend erforderlich, automatische Brandbekämpfungssysteme wie Sprinkleranlagen einzubauen.

Die Baufirmen sind dafür nicht immer aufgeschlossen. Denn es passiert häufig, dass Bauarbeiter mit Material an die Sprinklerköpfe stoßen und eine kleine Überflutung in großer Höhe auslösen. „Lieber einen kleinen Flutschaden als einen großen Feuerschaden“, sagt Bendel dagegen. Manche Baufirma, die das anders sieht, wird zurzeit problemlos einen anderen Versicherer finden. Auch das ist eine Krisenfolge: Gerade in den Vereinigten Arabischen Emiraten sind durch die Erschütterungen an den Finanzmärkten viele Bauprojekte zum Erliegen gekommen.

Dadurch wird weniger Versicherungsschutz nachgefragt, die angebotene Kapazität steigt – oft mit deutlich geringeren Sicherheitsauflagen. Mit dem großen Wettbewerb im Markt sinken die Preise, die Bereitschaft der Baukonzerne, sich auf die Vorbeugung einzulassen, nimmt ab. „Präventives Risikomanagement ist eben aufwendig, und das Ergebnis, nämlich der vermiedene Schaden, ist nicht messbar“, sagt Bendel.

Zwischen der deutschen Industrie und ihren Versicherern ist das Verhältnis im Alltag im Wesentlichen in Ordnung – aber auch hier sorgt die Krise für steigenden Druck im Kessel. „Immer häufiger hören wir von unseren Mitgliedern, dass die Versicherer in der Schadenregulierung vor allem bei größeren Schäden eine härtere Gangart an den Tag legen“, sagt Günter Schlicht, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des DVS. Der Verband warnt die Versicherer davor, systematisch auf diesen Weg der Kostenreduzierung zu setzen.

Hinter der unnachgiebigen Haltung der Assekuranz steckt auch viel Frust darüber, dass sie trotz zahlreicher Ankündigungen die seit Jahren fallenden Preise nicht massiv nach oben bringen konnten. Versicherer und Risikomanager wissen, dass sie gerade in der jetzigen Situation einander mehr denn je brauchen.

Die Versicherer achten zu Recht viel stärker darauf, welche Risiken sie zeichnen, ob ein Industriebetrieb alles Nötige zum Brandschutz unternimmt und seine Leute richtig ausbildet. Umgekehrt hat der Beinahe-Zusammenbruch des amerikanischen Anbieters AIG, der nur durch 183 Mio. $ Staatshilfe am Leben erhalten wird, den Risikomanagern der Industrie vor Augen geführt, dass es so etwas wie das Ausfallrisiko eines Versicherers gibt. Die beste Police nutzt nichts, wenn der Anbieter nach der Katastrophe pleite ist.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit