Versicherer drohen mit Aktienverkauf

Branche kritisiert Beharren des Bilanzrats IASB auf Marktbewertung · Bankenfürchten mehr Zeitwertbilanzierung

Von Reinhard Hönighaus, Brüssel, und Herbert Fromme, Köln

Der internationale Bilanzierungsrat IASB hat mit Vorschlägen für geänderte Regeln zur Bewertung von Wertpapieren gestern umgehend Kritik von Banken und Versicherern geerntet. Der IASB-Vorsitzende David Tweedie erklärte die Vereinfachung der Regeln zum wesentlichen Ziel: „Bilanzen einfacher verständlich für Investoren zu machen ist ein unverzichtbarer Beitrag für eine Erholung des Anlegervertrauens“, sagte Tweedie.

Banken und Versicherer dagegen verlangen – mit den Finanzministern Deutschlands und Frankreichs an ihrer Seite – nicht einfache Regeln, sondern eine spürbare Entlastung der Bilanzen. In Versicherungskreisen hieß es, der gestrige Entwurf gehe nicht ausreichend auf die Kritik der Versicherer ein. „Wenn er so bleibt, werden sich die Versicherer weitgehend aus Aktien zurückziehen“, sagte ein Experte.

Im Kern geht es um eine Reform des Bilanzstandards IAS 39, der sich mit der Bilanzierung von Wertpapieren zum Zeitwert (Fair Value) befasst. Das IASB schlug gestern vor, nur noch zwei Methoden zuzulassen und zahlreiche Sonderregeln zu streichen. Staatsanleihen und andere Papiere, die regelmäßige Erträge bringen und bis zur Endfälligkeit gehalten werden, sollen grundsätzlich zum Einstandspreis bewertet werden. Strukturierte Produkte und Aktien müssten dagegen zum aktuellen Marktwert ausgewiesen werden. Im Oktober will das IASB in einem zweiten Schritt Vorschläge machen, nach welchen Modellen von der Krise besonders betroffene Risikopapiere bewertet werden.

Die Bewertung zu aktuellen Marktpreisen hat in der Krise zu hohen Abschreibungen geführt. Dies zehrt am Eigenkapital von Banken und Versicherern. „Sollte es im Zuge der neuen Vorschläge zu einer Ausweitung der Fair-Value-Bilanzierung kommen, wäre dies – auch vor dem Hintergrund der Finanzmarktkrise – nicht sachgerecht“, kritisierte Hans-Joachim Massenberg, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken. „Unserer Auffassung nach sollte das jeweilige Geschäftsmodell der einzelnen Banken maßgeblich sein, um Finanzinstrumente zu klassifizieren und zu bewerten.“

Die Versicherungsbranche reagierte offiziell vorsichtig auf den Entwurf. „Wir werden das Dokument genau studieren und uns später dazu äußern“, sagte ein Allianz-Sprecher. Bis zum 14. September will das IASB die Betroffenen konsultieren. Wegen des Nationalfeiertags in Frankreich konnte der Axa-Konzern, der zu den schärfsten Kritikern des bisherigen IASB-Kurses gehört, sich gestern nicht äußern.

Das International Accounting Standards Board mit Sitz in London setzt die Rechnungslegungsstandards für über 100 Länder, darunter die Europäische Union. Die EU-Finanzminister hatten das Gremium wiederholt aufgefordert, einer im April in den USA beschlossenen Lockerung der US-Bilanzierungsregeln US-GAAP zu folgen und so Wettbewerbsgleichheit für europäische Banken und Versicherer zu schaffen. Vorkämpfer dabei sind Bundesfinanzminister Peer Steinbrück und seine französische Amtskollegin Christine Lagarde. Das IASB hat bisher jedoch ein schnelles Gleichziehen mit den USA verweigert und arbeitet stattdessen an einer grundlegenden Reform des Standards IAS 39. Bilanzexperten und Investoren warnen vor einer Aufweichung nach US-Vorbild, da Geldkonzerne mit derart flexiblen Bewertungsregeln ihren wahren Zustand verschleiern könnten.

EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy begrüßte gestern die IASB-Vorschläge. „Wir haben sie seit letztem Jahr aufgefordert, das zu tun“, sagte er. Banken könnten die Regeln in ihrem Abschluss 2009 anwenden. Verbindlich werden sie frühestens 2012.

 

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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