Aviva verkauft deutsche Tochter

Versicherer sucht Interessenten für Delta Lloyd Wiesbaden · „NegativerKaufpreis“ möglich

Von Herbert Fromme, Köln

Der größte britische Versicherungskonzern Aviva sucht nach FTD-Informationen aus Versicherungskreisen einen Käufer für seine deutsche Tochter Delta Lloyd. Die Frankfurter Investmentbank Metzler soll demnach beauftragt sein, Interessenten zu finden. Der Wiesbadener Versicherer gehört zur niederländischen Delta Lloyd Groep, an der Aviva 92 Prozent hält. Die profitable Amsterdamer Gruppe ist nicht von dem Verkauf betroffen.

Offenbar haben die Vorstände in Amsterdam und London die Hoffnung aufgegeben, die kleine und marode Tochter in der Finanzkrise auf sich gestellt sanieren zu können. Im Jahr 2007 belief sich der Verlust von Delta Lloyd Deutschland auf 8 Mio. Euro, im Jahr 2008 gar auf 104 Mio. Euro – für einen Konzern mit unverändert 436 Mio. Euro Prämieneinnahmen ein stolzes Defizit.

Der Konzern musste der deutschen Tochter 2008 83 Mio. Euro als Zuschuss gewähren. Es war nicht der erste in der Unternehmensgeschichte. Abschreibungen und Verluste auf Kapitalanlagen sowie aufgeschobene Abschreibungen beliefen sich 2008 allein beim Lebensversicherer auf 158 Mio. Euro.

Nach Angaben aus der Branche dürfte der Verkaufspreis „sehr niedrig, eher bei null“ liegen. Dazu komme, dass der Eigner Aviva – damals noch unter dem Namen Commercial and General Union (CGU) – beim Kauf im Jahr 1998 Garantien für die Lebensversicherer der Gruppe gegeben habe. „Wenn ein Käufer die Garantien ablöst, dürfte der Kaufpreis negativ sein“, sagte der Vorstand eines Rivalen.

Vor elf Jahren kaufte die CGU über ihre Amsterdamer Tochter Delta Lloyd für 600 Mio. DM die damalige Berlinische Lebensversicherung. Verkäufer waren Münchener Rück mit 64,6 Prozent, Allianz mit 30 Prozent und weitere Aktionäre mit 5,4 Prozent. 2006 wurde die Berlinische in Delta Lloyd Leben umbenannt.

Nach einem Verkauf wäre Aviva – immerhin die Nummer fünf in der Welt – nicht mehr in Deutschland vertreten.

Aviva und Delta Lloyd in den Niederlanden wollten zu den Verkaufsplänen nicht Stellung nehmen. In Wiesbaden sagte eine Sprecherin, eine Entscheidung sei nicht gefallen. Der Verkauf sei eine von mehreren Möglichkeiten. Eine andere wichtige Option sei aber die Restrukturierung und strategische Neuausrichtung, die im Mai angekündigt wurde. Sie schreite planmäßig voran.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s stufte die Bewertung der Delta Lloyd Lebensversicherung im Dezember 2008 von „A-“ auf „BBB“ mit negativem Ausblick herab – für einen Lebensversicherer ein unakzeptabel schlechtes Rating. „Die operative Leistung ist sehr schwach“, schrieb S&P-Analyst Wolfgang Rief. „Das zeigt sich an den mäßigen Kapitalerträgen, der schlechten Kosteneffizienz und den fortdauernd schwachen inhärenten Gewinnen, die auf langfristig schwache Gewinnaussichten hinweisen.“ Im Januar teilte S&P mit, Delta Lloyd wolle nicht mehr bewertet werden.

Im Mai hatte Vorstandschef Christof Göldi ein Sanierungsprogramm angekündigt, bei dem bis zu 230 von 800 Stellen wegfallen sollen. Doch in der Branche werden Göldi wenig Chancen eingeräumt, die Gesellschaft ohne Zusammenschluss mit einem größeren Anbieter sanieren zu können. „Das kommt zu spät“, hieß es.

Zum Konzern gehören auch die kleine Hamburger Lebensversicherung, die Bank Gries & Heissel, eine Beratungsfirma für betriebliche Altersversorgung, eine Pensionskasse sowie der Makler Singa.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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