Talanx vor massivem Umbau

Versicherer macht sich fit für den Börsengang · Deutliche Straffung desKonzerns

Von Herbert Fromme, Köln

Der Talanx-Konzern in Hannover plant einen weitreichenden Umbau der komplexen Konzernstruktur, um sich für einen Börsengang zu rüsten. Einen ersten Beschluss dazu will der Aufsichtsrat des Versicherungskonzerns nach FTD-Informationen bei seiner Sitzung am 18. September fassen. Angestoßen hat die Reform Aufsichtsratschef Wolf-Dieter Baumgartl, der bis 2006 den Konzern leitete – und immer noch großen Einfluss auf die mit 19 Mrd. Euro Prämieneinnahmen drittgrößte deutsche Versichererung hat. Eine Talanx-Sprecherin wollte zu den Informationen nicht Stellung nehmen.

Mit der Straffung und einem Generationswechsel an der Spitze will das Unternehmen seinem schon vor zehn Jahren verkündeten Ziel des Börsengangs näher kommen. Diesen peilen der Vorstandsvorsitzende Herbert Haas und Finanzchef Immo Querner jetzt für 2010 an.

Die Talanx AG gehört dem Haftpflichtverband der Deutschen Industrie, einem Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (HDI VaG). Der Verein hat keinen Besitzer, er steht unter Kontrolle seiner Mitglieder. Dazu zählen vor allem deutsche Industrieunternehmen. Talanx will an die Börse, um vom Kapitalmarkt das Geld für die weitere Expansion zu holen. Der HDI VaG soll auf jeden Fall Mehrheitseigner bleiben. Die Tochter Hannover Rück, an der Talanx knapp über 50 Prozent hält, ist bereits börsennotiert. Talanx hat mehrfach erklärt, dass der Konzern die Mehrheit am viertgrößten Rückversicherer der Welt nicht aufgeben will. Allein schon, um das Wachstum der Hannover Rück finanzieren zu können, braucht er frisches Geld. Der Versicherer will auch selbst durch Zukäufe weiter wachsen. Zuletzt hatte er 9,9 Prozent an der Swiss Life erworben.

Kern des Umbaus ist die Ausrichtung der gesamten Organisation auf Kundengruppen. In den vergangenen Jahren wuchs das Unternehmen rasch durch zahlreiche Neugründungen und Übernahmen, unter anderem des Gerling-Konzerns in Köln. Bislang orientiert sich der Aufbau deshalb etwa an Kundensegmenten oder Vertriebswegen. So gibt es für die Lebensversicherung zwei Vorstandsressorts. Heinz-Peter Roß verantwortet HDI-Gerling Leben und Aspecta in Köln. Norbert Kox leitet in Hilden die Bankvertriebs-Versicherer unter der Proactiv Holding. Das sind neben einer Reihe von Auslandsgesellschaften die CiV, deren Policen allein über die Citibank verkauft werden, der Postbank-Partner PB Versicherung und die aufs Sparkassengeschäft ausgerichtete Neue Leben.

Künftig soll es im Talanx-Vorstand neben den Zentralressorts Vorstandschef, Finanzen und IT nur noch vier operative Verantwortliche geben: Ulrich Wallin für die Rückversicherung, Christian Hinsch für Industrie und Heinz-Peter Roß für die Privatkunden. Sein Ressort heißt „Retail Deutschland“. Das Ressort „Retail Ausland“ ist noch nicht besetzt.

Rückversicherungschef Ulrich Wallin, 54, sitzt seit Juli im Chefsessel bei der Hannover Rück und im Vorstand, Vorgänger Wilhelm Zeller, 65, ging in den Ruhestand. Industrie-Boss Christian Hinsch, 54, gehört seit Gründung dem Talanx-Vorstand an und war lange in der Führung der Vorläuferorganisation. Bankvertriebschef Norbert Kox, 63, werde ohnehin bald in den Ruhestand gehen, hieß es. Der 44-jährige Roß ist erst seit Juli bei Talanx, er kommt von der Axa Deutschland. Sein Vorgänger war Hans Löffler, 60.

An der bisherigen Mehrmarken-Strategie will Talanx festhalten, auch die einzelnen Risikoträger sollen erhalten bleiben. Arbeitsplätze sollen jedenfalls in den ersten Schritten nicht verloren gehen. Talanx beschäftigte Ende 2008 rund 17 000 Mitarbeiter.

Die Konzernführung sieht 2010 als günstigen Zeitpunkt für einen Börsengang, weil der Konzern nach einem Ertragseinbruch für 2009 wieder einen Gewinn von 400 bis 500 Mio. Euro nach Steuern erwartet. Im Jahr 2008 hatte der Konzern nur 187 Mio. Euro nach Minderheitsanteilen verdient, verglichen mit 477 Mio. Euro ein Jahr zuvor. Die Folgen der Krise seien jetzt überwunden, sagte Firmenchef Herbert Haas indes kürzlich. „Die Finanzkrise dürfte keine Schatten mehr auf unsere Kapitalanlagen werfen.“ Die optimistische Grundstimmung steht im Widerspruch zu den skeptischen Erwartungen anderer Versicherer, die für 2007 nochmals mit Ergebnisbelastungen rechnen.

Allerdings könnte sich die Lage auch für Talanx schon bald wieder eintrüben. Als einer der größten Industrieversicherer wird die Gruppe von der Rezession getroffen, wenn auch mit Verzögerung. Das Zeitfenster für einen Börsengang könnte deshalb kurz sein. Auch deshalb arbeiten Stabsstellen und Beraterfirmen intensiv an dem Projekt. Ein großes Problem ist bisher, für die weit verzweigte Organisation einen zeitnahen Konzernabschluss aufzustellen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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