Wie die Versicherer schwarze Schafe behandeln

Wer in der Wagnisdatei der Versicherer landet, wird im Schadenfall oder beim Neuantrag besonders kritisch beäugt. Weil die Branche das System nicht nur zur Betrugsbekämpfung einsetzt, kann für eine Speicherung schon ein erhöhtes Schadensrisiko ausreichen.

Wer sich für eine Berufsunfähigkeitsversicherung interessiert, sollte eine anonyme Risiko-Voranfrage stellen. Denn füllen Interessenten direkt einen Antrag auf Versicherungsschutz aus, riskieren sie nicht nur, aufgrund von Vorerkrankungen abgelehnt zu werden, sondern auch, dass ihre Daten im Hinweis- und Informationssystem der Versicherungswirtschaft (HIS) gespeichert werden. „Eine Ablehnung ist ein Malus und verringert die Erfolgsaussichten von Anträgen bei anderen Anbietern“, sagt Hajo Köster, Justiziar beim Bund der Versicherten (BdV).

Mit HIS machen die Versicherer Jagd auf Betrüger und sammeln Daten zur Risikoprüfung. Eine eigens gegründete Auskunftei stellt die Daten den Unternehmen zur Verfügung, die Einwilligung der Betroffenen ist dafür nicht nötig. Sachbearbeiter, die von HIS-Einträgen erfahren, prüfen Schadenfälle oder Anträge auf Versicherungsschutz besonders eingehend.

Nicht nur besonders verdächtige Fälle landen in der Datei. Für einen Vermerk reicht bei einem Antrag für eine Berufsunfähigkeitsversicherung schon eine Vorerkrankung wie ein Hörsturz, ein gefährlicher Beruf wie Gerüstbauer oder eine hohe Versicherungssumme, sagt Katrin Rüter vom Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV). In der Rechtsschutzversicherung komme es zu einem Eintrag, wenn ein Versicherter seine Police in den letzten zwölf Monaten viermal oder öfter in Anspruch genommen hat. Ein gemeldeter Autodiebstahl wird dann aktenkundig, wenn der Versicherer die Plausibilität der Umstände anzweifelt. „Wenn zusammen mit dem Auto der Fahrzeugbrief und der Autoschlüssel verschwinden, können Zweifel aufkommen, ob es sich wirklich um einen Diebstahl handelt“, sagt sie.

„Das Problem ist, dass die Versicherten viel zu wenig über HIS aufgeklärt werden“, kritisiert Köster vom BdV. So sei vielen nicht bewusst, dass ein abgelehnter Antrag auf Berufsunfähigkeitsversicherung bereits zu einem Eintrag wegen erschwertem Risiko führen kann – mit schwerwiegenden Folgen. So könne eine Ablehnung die Erfolgsaussichten von Anträgen bei anderen Anbietern verschlechtern, sagt er. Er rät Verbrauchern, vor einem konkreten Antrag auf Versicherung per anonymer Risiko-Voranfrage zu ermitteln, ob Aufnahmechancen bestehen. Eine anonyme Anfrage können Verbraucher nach Angaben des BdV bei Versicherungsberatern und –maklern stellen.

Rüter vom GDV betont, dass HIS ein wichtiges Instrument im Kampf gegen Versicherungsbetrug und deswegen im Sinne aller Versicherter ist. Rund vier Mrd. Euro kosten Schummeleien die Gesellschaften über die Sparten hinweg nach ihren Angaben pro Jahr, allein in der Kfz-Versicherung seien es 1,5 Mrd. Euro. Indem die Versicherer ausgewählte Informationen teilen, kann einigen Verbrechern das Handwerk gelegt werden, sagt sie.

Allerdings dürfen die Versicherungsunternehmen nicht auf alle Daten zugreifen, sondern es gilt eine Trennung nach Versicherungssparten sowie nach Antragsdaten einerseits und Leistungsdaten andererseits. Ein Sachbearbeiter, der einen Autounfall reguliert, kann also nur auf etwaige HIS-Meldungen zu weiteren Kfz-Schadenfällen des Versicherten zurückgreifen, nicht etwa auf Antragsdaten zu einer Lebensversicherung. Das soll die Erstellung von Personenprofilen verhindern.

Versicherte müssen die Datenwut der Assekuranz nicht widerstandslos hinnehmen. Sie haben ein Auskunftsrecht. Melden Versicherer einen Kunden oder Antragssteller an HIS, müssen sie ihn darüber informieren, heißt es beim zuständigen Landesbeauftragten für den Datenschutz Baden-Württemberg. Der Betroffene kann sich kostenfrei einmal pro Jahr bei der Auskunftei Informa Insurance Risk and Fraud Prevention in Baden-Baden informieren, welche Daten über ihn gespeichert sind. Kann er glaubhaft versichern, dass ein Fehler vorliegt, muss die Auskunftei Kontakt zum meldenden Versicherer aufnehmen, und die Daten löschen, wenn sich der Protest bewahrheitet. „Seit dem HIS-Start zum ersten April 2011 erreichen uns Löschbegehren von Betroffenen“, sagt der Unternehmensgeschäftsführer Björn Hinrichs. „Die Anzahl der daraufhin überwiegend aus Kulanzgründen erfolgten Löschungen liegt im einstelligen Bereich.“

Datensätze müssen auf jeden Fall nach vier Kalenderjahren gelöscht werden. Es sei denn, es kommen währenddessen neue Meldungen aus derselben Sparte hinzu; dann verlängert sich die Speicherdauer auf acht Kalenderjahre.

Quelle: Capital.de


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