Mit zwei Gesundheitsfragen zur BU-Versicherung

Wer eine Berufsunfähigkeits-Police abschließen will, muss sich durch zig Fragen zur Gesundheit arbeiten. Bewerber mit Vorerkrankungen bekommen keinen Schutz oder zahlen drauf. Ein aktuelles Aktionsangebot kommt mit zwei allgemeinen Gesundheitsfragen aus – allerdings ist die Rentenhöhe von 500 Euro knapp bemessen.

Bei keiner anderen Versicherung sind sich Verbraucherschützer und Versicherer so einig: Die Absicherung gegen Berufsunfähigkeit ist ein Muss. Allerdings ist es schwierig, gute Verträge zu bekommen, und viele Bewerber scheitern an der Gesundheitsprüfung. Manche Gesellschaft will vom Notstand profitieren und wirbt mit Aktionsangeboten, bei denen weniger Gesundheitsfragen als üblich beantwortet werden mü

Eine Berufsunfähigkeitsversicherung greift, wenn Menschen wegen gesundheitlicher Probleme zu weniger als 50 Prozent in ihrem Beruf arbeiten können. Zu einem Abschluss raten Versicherer wie Verbraucherschützer, weil Berufsunfähigkeit seit 2001 nicht mehr Teil des gesetzlichen Schutzes ist. Erwerbstätige, die nach dem ersten Januar 1961 geboren sind, müssen selbst vorsorgen. Doch nicht jeder bekommt einen Vertrag. Wer Vorerkrankungen mitbringt, muss entweder mit Ausschlüssen und Zuschlägen leben, oder er wird von vornherein nicht angenommen. Weil die Ablehnung eines BU-Antrags zu einer Eintragung in der Wagnisdatei HIS der Versicherer führen kann, sollten Interessenten ihren Versicherungsmakler um eine anonyme Voranfrage bitten, bevor sie einen Vertrag beantragen.

Weil es für viele Menschen schwierig ist, eine gute BU-Absicherung zu bekommen, werben Versicherer von Zeit zu Zeit mit befristeten Aktionsangeboten, bei denen nur wenige allgemeine Gesundheitsfragen beantwortet werden müssen. „Die Angebote sind meist nur für ein halbes Jahr auf dem Markt“, sagt der Versicherungsmakler Hans-Uwe Klaß. Klaß hat Ende 2012 eine solche Police an einen 20-Jährigen vermittelt, der wegen einer Operation im Vorjahr bei marktüblichen Verträgen abgelehnt wurde.

„Wir haben recherchiert und anonyme Voranfragen bei verschiedenen Gesellschaften gestellt, kassierten aber eine Absage nach der anderen“, berichtet Klaß. Daraufhin machte er den Kunden auf ein Aktionsangebot des Versicherers Standard Life mit einer BU-Rente von 500 Euro aufmerksam. Die Gesellschaft wollte nur wissen, ob der Bewerber in den vergangenen zwölf Monaten länger als 20 Tage arbeitsunfähig gewesen war und ob er in diesem Zeitraum länger als 14 Tage am Stück auf ärztliches Anraten hin ein und dasselbe Medikament eingenommen hatte. Eine detaillierte Krankengeschichte wurde nicht verlangt. Der Kunde konnte jeweils „Nein“ ankreuzen und erhielt den Schutz.

„Ich hätte Bauchschmerzen, dieses Produkt zu empfehlen“, sagt Michael Wortberg, Versicherungsexperte bei der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Er kritisiert vor allem, dass die Police Altersvorsorge und Berufsunfähigkeitsschutz miteinander kombiniert. Das Problem der Pakete: Können Versicherte die Beiträge für die Altersvorsorge nicht mehr aufbringen, verlieren sie auch ihren BU-Schutz, warnt Wortberg.

Standard Life bestätigt, dass es sich bei der Aktion um keine selbstständige BU-Versicherung handelt, die den Bedarf eines Berufsunfähigen vollständig abdeckt, sondern um ein Kombinationsangebot. „Von dem Mindestbeitrag von 100 Euro fließt der größte Teil in die Altersvorsorge“, erklärt Steffen Liebig, BU-Experte bei Standard Life. Läuft der Berufsunfähigkeitsschutz mit 65 aus, können Kunden sich das angesparte Kapital plus Zinsen auszahlen lassen. An der Höhe der Altersvorsorge ändert sich auch dann nichts, wenn es zum BU-Leistungsfall kommt, denn dann übernimmt der Versicherer die Fortzahlung der monatlichen Beiträge, sagt Liebig.

Interessenten dürfen nicht älter als 45 Jahre sein und müssen zu den 1075 akademischen und kaufmännischen Berufen gehören, für die Standard Life das Angebot konzipiert hat. Dazu gehören Bankkaufleute, Buchhalter oder Mediziner. „Akademiker haben lange studiert und viel Geld und Elan in ihre Ausbildung gesteckt – deshalb geben sie ihren Beruf auch nicht sofort wegen einer Krankheit auf“, begründet Liebig den Fokus. Die Nachfrage nach dem Angebot ist nach Angaben von Liebig jedenfalls sehr groß. In den vergangenen drei Monaten habe man knapp 1400 Policen verkauft.

Versicherungsmakler Klaß hält die Rente der Police für zu niedrig. „Ich sehe das Angebot kritisch, denn 500 Euro ernähren einen Berufsunfähigen nicht“, sagt Klaß. Ausreden wollte er dem Kunden den Kauf aber nicht. „Wer an der Gesundheitsprüfung von Policen mit höheren Renten scheitert, bekommt hier immerhin ein bisschen BU und betreibt zusätzlich Altersvorsorge“, sagt er.

Verbraucherschützer Wortberg sieht einen weiteren Schwachpunkt des Angebots darin, dass Standard Life seinen Hauptsitz nicht in Deutschland hat. Das kann zu Zusatzkosten führen, wenn sich Versicherer und Versicherter im Schadenfall nicht einig sind und es zur gerichtlichen Auseinandersetzung kommt, berichtet er. „Zwar gilt auch für ausländische Versicherer deutsches Recht, aber die Gesellschaft kann verlangen, dass sie die Klageschrift samt Anlagen in englischer Übersetzung bekommt“, sagt Wortberg. In Extremfällen und bei umfangreichen Gutachten können dadurch Kosten in Höhe von 50.000 Euro entstehen, sagt Wortberg. Nach seinen Angaben käme ein Rechtsschutzversicherer dafür nicht auf. „Streitintensive Versicherungen wie die BU würde ich deshalb nicht bei einem ausländischen Versicherer abschließen“, sagt er.

Wenn guter BU-Schutz nicht zu bekommen ist, gibt es keinen hundertprozentigen Ersatz über andere Versicherungen, sagen Verbraucherschützer. Zumindest Teile des Risikos lassen sich aber mit Erwerbsunfähigkeitsversicherungen, Dread Desease-Policen oder Grundfähigkeitsversicherungen abdecken. Erwerbsunfähigkeitsversicherungen bezahlen, wenn der Betroffene überhaupt nicht mehr arbeiten kann – es reicht also nicht, wenn er so gehandicapt ist, dass er seinem erlernten Beruf nicht mehr nachgehen kann. Mit Dread Desease-Versicherungen können sich Verbraucher gegen festgelegte schwere Krankheiten wie Krebs absichern und die Grundfähigkeitsversicherung zahlt, wenn definierte Grundfähigkeiten wie sprechen oder laufen beeinträchtigt sind. Scheitern Interessenten an der Gesundheitsprüfung einer Berufsunfähigkeitsversicherung, kommen die beiden letzteren nach Angaben Wortbergs aber nicht in Frage, weil für einen Abschluss vergleichbar umfassende Gesundheitsangaben gemacht werden müssen.

Quelle: Capital.de


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