Versicherung zum Selberbauen

Der Trend in der Sachversicherung geht weg von Paketlösungen und hin zu maßgeschneiderten Absicherungen. Kunden sollen nur für die Leistungen zahlen müssen, die sie wirklich brauchen. Die Versicherer reagieren damit auf den Wunsch nach individuellen Policen. Allerdings leidet die Vergleichbarkeit der Angebote.

Eine Hausratversicherung, die Glasbruch einschließt, aber nicht den Fahrraddiebstahl, oder eine Autoversicherung, die im Schadenfall für einen Mietwagen zahlt, aber nicht für eine Panne im Ausland: Versicherungskunden können sich heute aus einzelnen Bausteinen individuelle Versicherungsverträge zusammenstellen. Das macht allerdings Arbeit und die Vergleichbarkeit der verschiedenen Angebote wird schwieriger.

Autoversicherer waren die ersten, bei denen Kunden einen Basisschutz mit verschiedenen Zusatzelementen kombinieren konnten. Führende Anbieter wie Allianz und HDI machten hier 2011 den Anfang. Mittlerweile gibt es die Systeme auch für andere private Sachversicherungen. „Das ist ein Trend, der in den letzten Jahren klar zugenommen hat“, sagt Ulrich Wiesenewsky von der Unternehmensberatung Towers Watson.

Bei solchen modularen Angeboten zahlen Versicherungsnehmer nicht für Leistungen, die sie gar nicht brauchen oder wollen, werben die Versicherer. „Der individuelle Versicherungsschutz ist bezogen auf den Bedarf und das Risiko“, sagt Frank Sievers, Privatkundenvorstand bei der Ergo Versicherung. Neben der Kfz-Versicherung bietet Ergo beispielsweise Module für die Hausratversicherung, Privathaftpflicht  und Wohngebäudeversicherung an. Bei letzterer lassen sich auf Wunsch etwa Kosten für das Entfernen von Wespennestern oder Graffitis, die Beseitigung von Rohrverstopfungen oder das Rufen eines Schlüsseldienstes versichern.

„Der Kunde zahlt nur für die Deckungen, die er wirklich benötigt beziehungsweise wählt“, sagt Sievers. Das habe auch Vorteile für den Vertrieb. „Der Außendienstpartner kann besser auf die Bedürfnisse des Kunden eingehen und muss nicht mehr verkaufen, als wirklich benötigt wird.“

Einen anderen Vertriebskanal stellen die modularen Versicherungen dagegen vor besondere Herausforderungen: Für die immer beliebter werdenden Vergleichsportale ist der Umgang mit diesen Angeboten schwierig, weil sie sich eben nicht leicht vergleichen lassen. „Je standardisierter und vergleichbarer ein Produkt ist, desto besser ist es für die Darstellung in einem Portal geeignet“, sagt Towers Watson-Experte Wiesenewsky.

Den Versicherern dürfte die erschwerte Vergleichbarkeit gelegen kommen, für Kunden bedeutet es mehr Aufwand.

Wiesenewsky glaubt, dass die Zunahme von individualisierten Versicherungstarifen das Wachstum der Neuabschlüsse über Portale schmälern kann. Wenn die Kunden nicht mehr auf einen Klick einen Überblick über verschiedene Tarife und Preise erhalten, sondern sich durch eine ganze Reihe von Fragen zu ihrer persönlichen Situation und ihren Wünschen klicken müssen, kommen sie schnell ins Grübeln, was denn nun die richtige Wahl ist „Wenn das Portal dazu führt, dass der Kunde verunsichert wird, ist das der erste Schritt, dort nicht abzuschließen“, sagt er.

Modulare Versicherungen erhöhen also den Beratungsbedarf – Makler können sich darüber freuen. „Viele Kunden, die zu uns kommen, haben vorher schon im Computer geschaut, und dann gemerkt, dass unter der gleichen Überschrift nicht immer das gleiche steht“, sagt Henning Kahle, Geschäftsführer beim Makler Logos Wirtschaftsberatung. „Wenn es um das Thema Urlaub geht, haben vielleicht viele noch Lust, sich immer weiter durchzuklicken, beim Thema Versicherungen ist das eher nicht so.“

Ob Kunden auf das Angebot anspringen, ihre Versicherungen durch die Kombination verschiedener Module zu individualisieren, oder nicht, sei sehr unterschiedlich, sagt Kahle. Die Haustier-Mitfahrversicherung als Baustein der Kfz-Versicherung führe bei dem einen Hundebesitzer zu Begeisterung, beim anderen zu Kopfschütteln.

Wer sich für eine modulare Lösung entscheidet, muss generell bereit sein, Zeit und Aufwand in die Analyse seiner persönlichen Bedürfnisse zu stecken. „Der qualifizierte Makler verlangt eine gewisse Mitarbeit“, so Kahle. Und das nicht nur ein Mal, denn sowohl die Bedürfnisse als auch die Versicherungsprodukte ändern sich immer wieder und auch die Module bedürfen deshalb regelmäßiger Überprüfung. „Wenn wir etwa an das Thema Internetrisiken in der Privathaftpflicht denken, das vor einigen Jahren noch gar keines war, sieht man, wie schnelllebig die Entwicklung ist.“

Bei Aussagen zu den Preisen sind Versicherer vorsichtig. Eine modulare Lösung können günstiger sein, als eine traditionelle Paketlösung, heißt es etwa bei der Allianz.

Eine Abkehr der Versicherer von der Modulwelt ist derzeit nicht in Sicht. Für Towers Watson-Experte Wiesenewsky sind die Module ein Ausdruck des allgemeinen Trends hin zu mehr Transparenz bei den Produkten und ihrem tatsächlichen Versicherungsumfang. „Deshalb geht da die Zukunft hin und weg vom Produktbündel.“

Das glaubt auch Ergo-Vorstand Sievers. „Auch Verbraucherverbände fordern immer wieder einen individuell wählbaren Versicherungsschutz und nicht nur Paketlösungen. Letztlich ist der Weg zu mehr Individualität Ausdruck des Verbraucherwunsches.“

Quelle: Capital.de


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