
Qualitätsjournalismus kostet Geld. Mit Ihrem Abo sorgen Sie dafür, dass unsere Berichterstattung unabhängig bleibt.
Copyright © 2026 Versicherungsmonitor. All rights reserved.
Von Daniel Lehmann Am 9. September 2026 In Allgemein | No Comments | Drucken
Der Gesprächsbedarf in der Industrieversicherung ist groß. Die Risiken verändern sich, die Möglichkeit der Industrie, sich über traditionelle Deckungen zu schützen, hat dagegen kontinuierlich abgenommen. Beim Roundtable des Versicherungsmonitors diskutierten die Teilnehmer, ob die Industrieversicherung noch eine Zukunft hat.
[1]© Christian Bellmann
Die Versicherungseinkäufer aus der Industrie beobachten eine aus ihrer Sicht beunruhigende Entwicklung. Seit Jahren nimmt der Teil der Unternehmensrisiken ab, bei denen Versicherungslösungen eine Rolle spielen. Vor allem bei innovativen Themen und neuen Risiken fühlen sich die Manager zusehends alleingelassen.
Alexander Mahnke, Chief Markets Officer des Industrieversicherer MSIG Europe, teilte diese Diagnose. „Viele Risiken sind auch durch die starke Vernetzung der Welt, und das meine ich jetzt nicht nur digital, systemischer geworden und können nicht mehr individualisiert betrachtet werden“, betonte er im Roundtable-Gespräch des Versicherungsmonitors, das Ende Juni in Köln stattfand. Die Möglichkeiten, großer Industriekonzerne sich über traditionelle Deckungen zu schützen, hätten in den vergangenen 20 bis 25 Jahren spürbar abgenommen, so Mahnke.
Auch Marcel Armon, CEO beim Makler Aon Deutschland, verwies auf die Fülle neu dazugekommener Bedrohungen – von Inflation, Rohstoffknappheit und Lieferengpässen über den Fachkräftemangel bis hin zu Regulierung und politischen Unruhen. Seine Bilanz fällt kritisch aus: „Man könnte zu dem Schluss kommen, dass die Anforderungen der Kunden und die Themen, die ihnen Sorgen bereiten, sich massiv geändert haben. Und dass wir als Versicherungswirtschaft uns nicht im gleichen Tempo an diese Anforderungen angepasst haben.“
Diese Kluft zwischen Kundenbedarf und Marktangebot führt bei den Versicherten zu Verunsicherung. Olga Losing-Malota, Global Head of Insurance bei Fresenius Medical Care, rechnet zwar damit, dass es die Industrieversicherung weiterhin geben werde, sieht aber eine schleichende Entwertung: Da es für viele Risiken Deckung nur noch in abgeschwächter Form gebe, befürchte sie, dass die Relevanz der Industrieversicherung insgesamt spürbar abnehmen werde. „Natürlich können wir sagen, die Industrieversicherung wird es weiter geben. Es ist aber die Frage, ob das, was wir als Versicherung betreiben, dann für die Großindustrie noch funktioniert“, resümierte sie.
[2]© Christian Bellmann
Schleichender Exodus
Wie weit dieser Bedeutungsverlust bereits vorangeschritten ist, verdeutlicht Mahnke mit einem Blick in das Innere der Konzerne. Früher sei die größte Sorge eines Risikomanagers gewesen, dass bei einem Vorfall der Vorstand anruft und fragt, ob der Schaden versichert sei. Heute passiert das laut Mahnke nicht mehr, da Vorstände davon ausgingen, dass die großen Themen ohnehin nicht mehr abgedeckt sind. „Das ist ein schleichender Exodus, den wir hier erleben. Der macht mir schon Sorgen“, warnt der MSIG-Manager.
Diese Entwicklung bekomme auch der Mittelstand zu spüren: Wenn Versicherer für Großkonzerne irrelevant werden, erlahme die gemeinsame Forschung und Entwicklung an neuen Deckungskonzepten – was letztlich zulasten kleinerer Unternehmen gehe, so Mahnke.
Jessica Reimers, Mitglied der Geschäftsleitung beim Makler Südvers, betonte die unterschiedlichen Bedürfnisse von Großkonzernen und Mittelstand. Während Konzerne Risiken über ihre Kapitalstärke international verteilen können, treffe die neue Risikolage den klassischen deutschen Mittelstand viel unmittelbarer. Dieser benötige den klassischen Versicherungsschutz nach wie vor dringend. „Die deutsche Industrieversicherung spielt hier immer noch eine ganz große Rolle.“
Stephan Geis, Managing Director beim Industrieversicherer HDI Global, stimmte zu, dass sich die Rolle der Industrieversicherer deutlich ändert. „Kunden erwarten heute mehr als reine Kapazität.“ Sorgen um die Zukunft der Industrieversicherung mache er sich keine. „Wir müssen auch ganz klar benennen, wo unsere Grenzen sind und dann mit unseren Kunden gemeinsam Lösungen entwickeln.“
Neue Wege der Zusammenarbeit und die Rolle von Captives
[3]© Christian Bellmann
Um das zu erreichen, sollten alle die Marktteilnehmer ihre Zusammenarbeit hinterfragen, forderte Benedikt Hintze, Director Risk & Insurance beim Stahlkonzern GMH, ehemals Georgsmarienhütte. Er setzt auf das Konzept einer „Co-Evolution“ aller Marktteilnehmer. „Wir sollten nicht so viel über neue Produkte sprechen, sondern mehr über eine neue Form der Zusammenarbeit“, fordert er. Am Ende entscheide das Gesamtrisikomanagement: Unternehmen müssten prüfen, welche Risiken sie selbst finanzieren und welche sie abgeben.
In diesem Kontext gewinnt die eigene Risikotragung, beispielsweise über Captives, stark an Bedeutung. Noch immer gebe es etliche Versicherer, die Captives nach wie vor als „Teufelszeug“ betrachteten, weil diese Prämie aus dem Markt ziehen. Deswegen sei es ein gutes Zeichen, wenn Versicherer sich dem Thema offen nähern, sagte MSIG-Europe-Vorstand Mahnke.
Geis von HDI Global betonte, dass der Versicherer es begrüße, wenn Kunden ihr Risiko besser verstehen. „Ich glaube, an der Stelle unterscheiden sich die Industrieversicherer. Kunden in Captives zu begleiten spricht für Exzellenz, das benötigt Know-how und Erfahrung“, so Geis.
Auch auf die Makler kommt eine neue Rolle zu. Statt reine Platzierer von Policen zu sein, müssten sie sich als echte Risikoberater etablieren. Armon mahnt, dass Makler die Geschäftsmodelle ihrer Kunden tiefer verstehen und hinterfragen müssen, anstatt standardisiertem Produktvertrieb nach Schema F zu folgen.
Eine Vielzahl neuer Risiken, sinkende Preise, neue Konkurrenz durch Assekuradeure – in der Industrieversicherung ist eine Menge los. Wie sollten sich Versicherer aufstellen, um auch in Zukunft Bestand zu haben und ihren Kunden einen Mehrwert liefern zu können? Und hat die Industrieversicherung überhaupt noch eine Zukunft?
Darüber diskutierten beim Roundtable des Versicherungsmonitors Olga Losing-Malota, Fresenius Medical Care, Benedikt Hintze, GMH Gruppe, Jessica Reimers, Südvers, Marcel Armon, Aon, Stephan Geis, HDI Global, und Alexander Mahnke, MSIG Europe. Geleitet wurde die Debatte von Patrick Hagen und Friederike Krieger, den Chefredakteuren des Versicherungsmonitors. Das Gespräch wurde in dem aktuellen gedruckten Dossier „Das Expertengespräch: Hat die Industrieversicherung eine Zukunft“ veröffentlicht.
Als Abonnent erhalten Sie das Dossier automatisch ohne weitere Kosten per Post zugeschickt. Es ist Teil Ihres Abonnements. Weitere Exemplare können Sie in unserem Online-Shop [4] oder per Mail an gedrucktes@versicherungsmonitor.de [5] bestellen.
Artikel gedruckt von Versicherungsmonitor: https://versicherungsmonitor.de
URL zum Artikel: https://versicherungsmonitor.de/2026/09/09/steht-die-industrieversicherung-vor-dem-aus/
URLs in this post:
[1] Image: https://versicherungsmonitor.de/wp-content/uploads/2026/09/dsf0771.jpg
[2] Image: https://versicherungsmonitor.de/wp-content/uploads/2026/09/dsf0513.jpg
[3] Image: https://versicherungsmonitor.de/wp-content/uploads/2026/09/dsf0688.jpg
[4] in unserem Online-Shop: https://versicherungsmonitor.de/dossier24/
[5] gedrucktes@versicherungsmonitor.de: mailto:gedrucktes@versicherungsmonitor.de