Mit wenig Geld viel bewirken

Unbemerkt von der Öffentlichkeit geben kleine Stiftungen der Gesellschaft wichtige Impulse. Unbürokratisch fördern sie neue und unkonventionelle Ideen, die nicht selten zu entscheidenden Veränderungen führen

VON Anja Krüger Einmal in der Woche kommt eine Mutter mit ihrem Baby in den Kindergarten und versorgt den Säugling vor den Augen der Kleinen. Wie sich das Baby wohl beim Wickeln gefühlt habe, wollen die Erzieherinnen anschließend von ihren Schützlingen wissen. Nach einigen Wochen zeigen die Fragen Wirkung. „Was glaubst du wohl, wie ich mich fühle?“, fragen die Kleinen immer öfter, wenn ein anderes Kind sie geärgert hat. Das Ganze ist ein Präventionsprogramm gegen Aggressionen und in den USA bereits weit verbreitet.

Die Psychoanalytikerin und Ärztin Lotte Köhler ist überzeugt, dass diese Methode auch hier zu Lande sinnvoll wäre. Deshalb unterstützte die von ihr ins Leben gerufene Köhler-Stiftung den ersten deutschen Modellversuch an der Universität München. „Durch das Präventionsprogramm sind Jungen weniger aggressiv, und Mädchen haben weniger psychosomatische Störungen“, sagt sie. Ohne den Zuschuss ihrer Stiftung in Höhe von 25 000Euro hätte das Projekt nicht beginnen können. „Man kann auch mit wenig Geld sehr viel bewirken“, sagt die 80-Jährige.

Große Stiftungen sind in der Öffentlichkeit sehr präsent – etwa die Felix-Burda-Stiftung mit der Kampagne zur Darmkrebs-Früherkennung oder die Björn-Steiger-Stiftung, die sich für die schnelle Notfallversorgung nach einem Unfall einsetzt. Neben diesen bekannten Einrichtungen entstehen aber immer mehr kleine, die häufig, von der Öffentlichkeit unbemerkt, viel bewegen und der Gesellschaft wichtige Impulse geben. „Ein Drittel der heute existierenden Stiftungen ist in den vergangenen fünf Jahren entstanden“, sagt Evelin Manteuffel vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Viele davon entstehen aus persönlicher Betroffenheit.

Mütter zuckerkranker Kinder haben vor einem Jahr die Stiftung Dianiño ins Leben gerufen. Sie will Eltern unterstützen, deren Nachwuchs unter der Krankheit leidet, und hat unter anderem ein Beratungstelefon eingerichtet.

Auch für die medizinische Forschung sind kleine Stiftungen wichtig. Die Tochter des Stifters Jürgen Weiskamp starb mit 17 Jahren an Morbus Hodgkin, einer Krebsart, die noch vor 20 Jahren kaum heilbar war. Jürgen Weiskamp gründete 1988 die Frauke-Weiskamp-Stiftung, um die Erforschung der Krankheit an der Universität Köln zu fördern und die ganzheitliche Betreuung der Patienten zu unterstützen. „Heute können 90 Prozent der Patienten mit Morbus Hodgkin geheilt werden“, sagt Jürgen Wolf, Ärztlicher Leiter des Krebszentrums an der Universität Köln.

Für Wissenschaftler ist diese Geldquelle immer wichtiger, denn Forschungsmittel werden knapper. Einrichtungen wie die Frauke-Weiskamp-Stiftung springen hier ein. Sie fördert die Forscher im Jahr mit 100 000 Euro. Genutzt wird das Geld für eigene Forschungsprogramme und zur Finanzierung von Forschungsaufenthalten in den USA.

„Ein großer Vorteil der Stiftungen ist ihre enorme Flexibilität“, sagt Wolf. Die Anträge werden schneller und unkomplizierter bearbeitet als bei den herkömmlichen universitären Geldgebern. Steht ein Forscher am Ende eines Auslandsaufenthalts vor dem Durchbruch, ist eine kurzfristige Verlängerung mit klassischen Fördermitteln kaum zu machen, das Verfahren dauert zu lange. Bei Stiftungen ist das anders. „Hier gibt es schnelle Entscheidungen mit großen Auswirkungen“, sagt Wolf.

Dabei sind Stiftungen weitaus mehr als Lückenbüßer. Für Mäzene bieten sie eine gute Möglichkeit, der Gesellschaft neue Impulse und Anstöße zu geben. Die von Emilie und Kurt Reuter ins Leben gerufene Stiftung etwa unterstützt begabte Oberstufenschüler. Auch Lotte Köhler will mit ihrer Stiftung neuen Ideen eine Chance geben. Die Bandbreite der von ihr geförderten Programme ist groß. Sie finanziert Forschungsprojekte zur Entwicklungspsychologie genauso wie Untersuchungen zur Traumatisierung von Lokomotivführern nach einem Unfall oder Studien über Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus. So hat die Stiftung den Historiker Götz Aly mit einem Stipendium bei der Arbeit an seinem Buch „Hitlers Volksstaat“ unterstützt, das im vergangenen Jahr erschienen ist. Der Historiker setzte mit dem Buch eine breite öffentliche Diskussion darüber in Gang, ob und wie die Deutschen von den Verbrechen der Nationalsozialisten profitierten.

Doch nicht alle Investitionen waren so erfolgreich. Ein Projekt, das die Nachwirkungen des Nationalsozialismus bei zwischen 1920 und 1930 geborenen Zeitzeugen untersuchen sollte, scheiterte. Die von der Stiftung zur Verfügung gestellten 150 000 Euro blieben wirkungslos, die Interviews konnten nicht ausgewertet werden. Es fehlte eine geeignete Methode.

Zitat:

“ „SchnelleEntscheidungen mit großen Auswirkungen“ “ – Jürgen Wolf,Universität Köln –

Bild(er):

Die Stiftung Warentest ist aus dem Konsumalltag nicht mehr wegzudenken. Seit ihrer Gründung 1964 hat sie schon so gut wie alles getestet. Und für viele Firmen ist das Logo ein wichtiger Werbeträger – Ullstein; Christian Daechow; Visum/Markus Hanke

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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