Depressive Demo

Die 1800 Mitarbeiter der Kölner Allianz-Niederlassung hat die angekündigte Schließung ihres Standorts kalt erwischt. Sie protestieren dagegen, aber kraftlos. Statt Aufruhr herrscht Schockstarre

Anja Krüger , Köln Kämpfer sehen anders aus. Das Entsetzen steht den Allianz-Mitarbeitern, die an diesem Vormittag gegen die Schließung der Kölner Niederlassung protestieren, ins Gesicht geschrieben. „Ich bin geschockt und traurig“, sagt ein Sachbearbeiter und dreht den Kopf zur Seite.

Die Angestellten versammeln sich in jenem Saal, in dem Deutschlandchef Gerhard Rupprecht eine knappe Woche zuvor die Schließung des Standorts verkündet hatte. Betriebsrat und Belegschaft in Köln wollen das nicht kampflos hinnehmen. Aber die Mitarbeiter wirken resigniert, nicht rebellisch. „Wie konnte es kommen, dass wir alle so fassungslos vor den Scherben unseres Berufslebens stehen?“, ruft die Betriebsratsvorsitzende Gabriele Burkhardt-Berg.

Ein Arbeitsplatz bei Deutschlands größtem Versicherer, das galt als Allianz fürs Leben. „Wir haben vor 38 Jahren zusammen hier angefangen“, sagt ein Mann, der gemeinsam mit seiner Frau gekommen ist. Etliche Angestellte sind miteinander verheiratet, viele haben nie woanders gearbeitet. Am Mittag wird Rupprecht über seine Pressestelle ein Interview zu den Protesten verbreiten lassen, das er mit „Allianz.com News“ geführt hat. „Ich kann gut verstehen, wenn Mitarbeiter ihre Sorgen zum Ausdruck bringen“, sagt er.

Das tröstet seine Kölner Angestellten kaum. Ihr Protestmarsch durch die Kölner Innenstadt wirkt wie ein Trauerzug. Viele Mitarbeiter gehen Arm in Arm, keine Sprechchöre ertönen. Die Pfeifkonzerte veranstalten vor allem die Kollegen von der IG Metall, die aus Solidarität gekommen sind. Die Demonstranten kommen am Versicherer Gerling vorbei, der vor kurzem von der Hannoveraner Talanx gekauft worden ist. Vor dem Gebäude stehen beklommene Gerling-Angestellte. „Die Allianz-Mitarbeiter haben unser Mitgefühl“, sagt eine von ihnen. Auch bei Gerling stehen Stellenstreichungen an. Vielen steht bevor, was die Kollegen von der Allianz jetzt durchleben. „Man wacht eines Tages auf, und alles ist anders“, sagt Allianz-Mitarbeiter Kaan Tokur. Er gehört zu den wenigen, die sich überhaupt äußern. „Wir haben gesagt bekommen, dass wir nicht mit der Presse sprechen dürfen“, berichtet ein Demonstrant. Ein Allianz-Sprecher bestreitet das. Ob der Konzern einen Maulkorb verhängt hat oder nicht – die Mitarbeiter sind eingeschüchtert. Die Geschäftsführung sichert sich das Wohlverhalten mit der vagen Ankündigung, dass einige in anderen Niederlassungen weiterarbeiten können.

Köln fürchtet unterdessen um seinen Ruf als Versicherungsstandort. Entsprechend deutlich sind die Solidaritätserklärungen von Lokalpolitikern, Verbandsfunktionären und anderen bei der Kundgebung vor der Niederlassung. Aber auch die ersten Kriegsgewinnler sind schon unterwegs. Eine Frau verteilt Flugblätter. „Betreff: Zukunftssicheres zweites Standbein.“ Ein Strukturvertrieb sucht Vertriebsmitarbeiter. Und für einen Moment flackert bei den Mitarbeitern ein wenig Wut auf. „Sauerei“, ruft ein Demonstrant. „Uns so in den Rücken zu fallen.“

Zitat:

„Man wacht eines Tages auf, und alles ist anders“ – Kaan Tokur, Allianz-Angestellter –

Bild(er):

Trauer statt Wut: Kölner Allianz-Mitarbeiter bei der Demonstration gegen die geplante Schließung ihrer Niederlassung. Rund 1800 gingen gestern auf die Straße – AP/Herrmann J. Knippertz

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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