Die neue U-Bahn verbindet bald Süden und City

Archäologen freuen sich über die Grabungen, weil dabei interessante Funde auftauchen · Einzelhändler sind genervt

Von Friederike Krieger Rund 600 Jahre benötigten die Dombaumeister, um das riesige Wahrzeichen der Stadt zu errichten. Um eine kurzzeitige Bauattraktion zu schaffen, brauchten die Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) nur eine Nacht. Durch unterirdische Bauarbeiten für die neue U-Bahn-Linie der Stadt neigte sich der Turm der katholischen Kirche St. Johann Baptist im Severinsviertel in den frühen Morgenstunden des 29. Septembers 2004 um gut 75 Zentimeter gen Westen. Rund 1 Mio. Euro kostete es, den „schiefen Turm von Köln“, wie ihn die Einwohner der Stadt schnell tauften, wieder ins Lot zu bringen. Die Versicherung der KVB, Lloyd’s of London, bezahlte die Wiederaufrichtung.

Verglichen mit den Gesamtkosten des U-Bahn-Projekts ist das ein Pappenstiel. Rund 780 Mio. Euro investieren Bund, Land und die Stadt Köln in die rund vier Kilometer lange Strecke, die ab 2010 die südlichen Teile Kölns mit der Innenstadt und dem Hauptbahnhof verbinden soll. Im Vergleich zu anderen Stadtvierteln sind öffentliche Verkehrsmittel in der Südstadt eher rar.

Die Folge sind Staus auf den Straßen, viel Lärm und eine hohe Abgasbelastung. Auch in der Stadtmitte gibt es Probleme. „Unser bestehender U-Bahn-Tunnel in der Innenstadt befindet sich am Rande seiner Leistungsfähigkeit“, sagt Susanne Zeidler, Leiterin des Informationsbüros der Nord-Süd Stadtbahn. Die neue U-Bahn soll ihn entlasten und so dafür sorgen, dass es künftig für alle Fahrgäste zu weniger Verspätungen kommt.

Auch die Kölner Archäologen profitieren vom Tunnelbau, der bisher eine Vielzahl von Relikten aus der Stadtgeschichte ans Tageslicht befördert hat. Zu den spektakulärsten Funden gehören einige komplett erhaltene Urnen aus der Römerzeit und der rund 37 000 Jahre alte Schädel eines eiszeitlichen Wollhaarnashorns. Rund 15 Mio. Euro lässt sich die KVB die Ausgrabungen kosten, die zu den derzeit größten archäologischen Unternehmungen in Europa zählen.

Wer die Verlierer der Nord-Süd-Bahn sucht, muss im Severinsviertel Ausschau halten. Seit 18 Monaten ist die Severinstraße wegen der Bauarbeiten für Autos nicht befahrbar. Bauzäune versperren den Blick auf die Geschäfte der Einkaufsmeile. „Die Einzelhändler verzeichnen hier Umsatzrückgänge zwischen zehn und 60 Prozent“, sagt Jürgen Pfös, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Severinsviertel. Die KVB zahlt den betroffenen Geschäften zwar Entschädigungen, doch 20 Prozent ihres entgangenen Umsatzes müssen sie als Eigenanteil verbuchen. „Dem Einzelhandel geht es ohnehin schon nicht gut, da tun die 20 Prozent wirklich weh“, sagt er.

Dass die betroffenen Einzelhändler langfristig auch durch neue Kundschaft entschädigt werden, die mit der Nord-Süd-Bahn zu ihnen gelangt, bezweifelt Uwe Klein vom Einzelhandels- und Dienstleistungsverband Köln. Heute müssten die Passanten in der Südstadt mangels Bahnanbindung viele Strecken zu Fuß zurücklegen und würden bei der Gelegenheit auch einkaufen gehen. Er befürchtet, dass die Leute in Zukunft mit der neuen U-Bahn in die Innenstadt fahren: „Es besteht die Gefahr, dass viel Laufkundschaft im Untergrund verschwindet.“

Zitat:

„Wir verzeichnen Umsatzrückgänge“ – Jürgen Pfös, IGSeverinsviertel –

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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