Regulierer aus Brüssel

Die EU-Kommission kritisiert die Mitversicherung. Kunden möchten diese Praxis allerdings gern beibehalten. Die Versicherer können sich mit Änderungen durchaus anfreunden

VON Friederike Krieger Die Assekuranz mag es in der Regel nicht, wenn Politiker ihr Vorschriften machen wollen. Mit dem Vorschlag der EU-Kommission, verschiedene Preise in der Mitversicherung einzuführen, können sich große Industrieversicherer aber anfreunden. „Eine Mitversicherung zu unterschiedlichen Prämien halte ich durchaus für möglich“, sagt Gerhard Heidbrink, Industrievorstand von HDI-Gerling. Bei der Mitversicherung decken mehrere Gesellschaften ein Großrisiko gemeinschaftlich ab, oft zu gleichen Bedingungen und Prämien.

Die EU vermutet, dass dies den Wettbewerb einschränken könnte. „Die Mitversicherung, wie sie im deutschen Markt praktiziert wird, fördert den Wettbewerb eher, als dass sie ihn behindert“, sagt dagegen Günter Schlicht vom Deutschen Versicherungs-Schutzverband (DVS), der die versicherungsnehmende Industrie vertritt. Bei Großrisiken sucht sich der Kunde einen führenden Versicherer, der wegen des günstigen Preises, seines Know-hows oder der angebotenen Kapazität infrage kommt. Mit ihm handelt der Kunde den Vertrag aus. Er übernimmt aber selten mehr als 30 Prozent des Risikos – den Rest tragen andere Gesellschaften zu denselben Konditionen. „Vor allem kleine Versicherer, die allein nicht in der Lage sind, ein Angebot abzugeben, können so am Markt teilhaben“, erklärt Schlicht. Die Industrietochter der Allianz wünscht sich dagegen höhere Prämien für den Hauptversicherer. Der Versicherer, der die Gemeinschaft anführt, übernehme oft viel mehr Aufgaben als die anderen Mitglieder, sagt Wolfgang Faden, Deutschlandchef der Allianz Global Corporate & Speciality. So schickt er Ingenieure zum Industriekunden, um das Risiko einschätzen und ein Angebot unterbreiten zu können. „Die zusätzlichen Leistungen des Hauptversicherers sind derzeit nicht immer durch Prämien oder Führungsprovisionen abgedeckt“, sagt Faden. Den Kampf für eine leistungsgerechte Vergütung trägt die Allianz aber nicht völlig selbstlos aus, oft ist sie die führende Gesellschaft in Konsortien.

Nicht rütteln sollte die EU an den gleichen Versicherungsbedingungen für alle Konsortiumsmitglieder, meint Maximilian Teichler, Geschäftsführer des Versicherungsmaklers Willis. „Für die Versicherungsnehmer wäre es eine absolute Katastrophe, wenn sie sich im Schadenfall mit mehreren Regelwerken herumschlagen müssten.“

Nicht nur die europäischen Wettbewerbshüter mischen sich in das Geschäft der Industrieversicherer ein. Seit Jahren schon streitet sich die Branche mit dem Bundeskartellamt, das den Versicherern vorwirft, ihr Verhalten seit Mitte 1999 abgestimmt zu haben. „Die Regulierungsfreude der Gesetzgeber in der EU, aber auch in Deutschland hat deutlich zugenommen“, sagt Schlicht vom DVS.

Ein weiteres EU-Projekt ist Solvency II. Die Richtlinie verlangt von den Industrieversicherern, mehr Eigenkapital vorzuhalten. Schlicht fürchtet, dass sich die Prämien dadurch verteuern. Auch firmeneigene Versicherungsgesellschaften, sogenannte Captives, sollen die strengen Eigenkapitalvorgaben erfüllen. Sie nehmen ausschließlich Konzerngeschäft in Deckung. Solvency II käme für sie einem Todesurteil gleich. „Viele Captives könnten ihren Geschäftsbetrieb nicht mehr in der bisherigen Form fortführen“, sagt Schlicht.

Zitat:

“ „Die Regulierungsfreude hat deutlich zugenommen“ “ – Günter Schlicht, DVS –

Bild(er):

Die vielen verschiedenen Arten aus der Familie der Flügelschnecken leben auf Sand- und Schlammböden. Die größeren Exemplare sind begehrte Sammlerobjekte und im Bestand bedroht. Die Tibia martini ist auf den Philippinen und in Taiwan zu Hause – Getty Images/Jim Wehtje

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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