Die mit allem rechnen müssen

Versicherungsaktuare sollten mehr mitbringen als gute Rechenkünste. Siebrauchen einen kritischen Geist, der scheinbar Plausibles in Frage stellt

VON Anja Krüger

Sie arbeiten im Hintergrund, ihr Berufsstand ist der Öffentlichkeit kaum bekannt und dabei sind ihre Entscheidungen für Millionen von Menschen sehr folgenreich. Aktuare sorgen in Versicherungsgesellschaften dafür, dass die Interessen des Unternehmens und die des Kunden ausbalanciert sind. Aktuare müssen gewährleisten, dass Versicherer ihre finanziellen Verpflichtungen gegenüber Kunden einhalten können und so profitabel wie möglich sind.

In der Regel sind Aktuare gelernte Mathematiker, die sich lange fortgebildet und eine Reihe harter Prüfungen absolviert haben. Sie haben hervorragende Berufsaussichten, heißt es beim Standesverband Deutsche Aktuarvereinigung. Versicherer bestätigen das. „Wir suchen Aktuare“, sagt Vera Werner von der Allianz, dem größten deutschen Versicherer. „Es ist schwierig, gute Aktuare zu finden.“ Neue Vorschriften für die Assekuranz hinsichtlich Bilanzierung und Risikomanagement führen dazu, dass die Nachfrage in den kommenden Jahren stark wachsen wird.

Die Standesorganisation Deutscher Aktuarverband (DAV) hat rund 3000 Mitglieder. Dazu gehört Esther Schütz, die bei der AMB Generali in Aachen tätig ist. Zu Beginn ihrer Karriere wollte sie eigentlich mathematische Modelle in der Geologie entwickeln. „Ich sah zufällig eine Stellenanzeige von einem Versicherer und habe mich darauf beworben“, sagt sie. Schütz begann ihre Karriere in der Produktentwicklung. Wenn Lebensversicherer Verträge kalkulieren, müssen sie viele Szenarien durchspielen. Die Mathematikerin befasste sich unter anderem mit Eintrittswahrscheinlichkeiten. Dazu gehörte die Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand zunächst berufsunfähig ist, aber nach fünf Jahren wieder in seinem Job arbeiten kann. Später war sie bei einem Rückversicherer und bei einer Ratingagentur tätig, heute ist sie in der Holding von AMB-Generali im Konzernaktuariat in der Personenversicherung tätig.

Schütz hat nie bereut, diesen Weg eingeschlagen zu haben. „Mein Beruf ist sehr abwechslungsreich“, sagt sie. Aktuare brauchen mehr als die Fähigkeit zum abstrakten Denken und Spaß an Zahlenspielen. Sie müssen kommunikationsstark sein. „Man muss sehr komplexe und abstrakte Sachverhalte so komprimieren können, dass sie jemand versteht, dem man sie auf den Blackberry schickt“, sagt sie. Die 43-Jährige schätzt das analytische Vorgehen, das in ihrem Beruf unverzichtbar ist, und die Anforderung, den Dingen genau auf den Grund gehen zu müssen. „Nichts ist so wie es scheint“, sagt sie.

Schon früh begann die Mathematikerin mit ihrer Fortbildung zur Aktuarin. Teilnehmer müssen 15 Prüfungen bestehen. Belegen sie alle angebotenen Kurse und Seminare und bestehen sie jede Prüfung auf Anhieb, kostet sie das maximal 11 000 Euro. Eine Reihe von Vorleistungen, etwa während des Studiums, werden anerkannt. Der Abschluss ist das Eintrittsticket in die DAV. Nur wenige Hundert in Deutschland tätige Aktuare sind hier nicht Mitglied.

Nach einer Umfrage der DAV und der Unternehmensberatung TGMC verdienen Aktuare im Schnitt 71 500 Euro im Jahr. Mit rund 60 000 Euro Jahreseinkommen bekommen diejenigen, die im Bereich Statistik und Analyse tätig sind, am wenigsten. Wer im Marketing arbeitet, erhält mit im Schnitt 117 900 Euro am meisten. Einen Einblick in das Berufsfeld bekommen Interessierte durch Praktika-Programme, wie sie DAV und die Deutsche Gesellschaft für Versicherungs- und Finanzmathematik für den kommenden Sommer anbieten.

Gute Einstiegsmöglichkeiten in den Beruf bieten neben Versicherern bekannte Beraterfirmen wie Deloitte, KPMG oder PwC. Neben den Großen der Branche sind auch kleinere für Karrierewillige interessant. Die Firma Talent & Pro etwa leiht Versicherern hochqualifiziertes Personal für Projekte aus. Das Unternehmen ermöglicht Beschäftigten die Weiterbildung zum Aktuar. „Wir übernehmen dafür die Kosten“, sagt Direktor Kerim Tarman. „Die Mitarbeiter müssen sich dafür nicht an uns binden.“

Finanzieren Arbeitgeber die Fortbildung, müssen Beschäftigte sich häufig im Gegenzug verpflichten, einen bestimmten Zeitraum im Unternehmen zu bleiben. Bei Talent & Pro ist das nicht der Fall, weil die Firma in die Kompetenz ihrer Fachleute investieren muss. „Unsere Mitarbeiter müssen hochmotiviert sein“, sagt Tarman. „Wir wollen nicht, dass jemand für uns arbeitet, der sich schon innerlich verabschiedet hat.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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