Versicherer geben sich optimistisch

Branche stellt sich nur zögernd auf Folgen der Krise ein · Stärkere Regulierung erwartet · FTD-Finanztreffen der Assekuranz

VON Anja Krüger, Köln

Eine Ausweitung der Finanzkrise wird für die Versicherungswirtschaft drastische Konsequenzen haben. Davon ist Axa-Konzernvorstand Ulrich Nießen überzeugt. „Dann gibt es nicht nur einen großen Abschreibungsbedarf, sondern auch eine Neuordnung der Landschaft“, sagte er bei der FTD-Konferenz Finanztreffen der Assekuranz. Schon jetzt zeichnen sich Eignerwechsel ab, wie etwa bei Teilen des angeschlagenen US-Versicherers AIG.

Nießen bezieht damit unter deutschen Versicherungsvorständen eine ungewöhnliche Position. Die meisten Manager der Assekuranz suggerieren, dass die Finanzkrise ihre Branche nicht treffe. Diese Meinung vertraten etwa die Finanzvorstände von Alte Leipziger, HUK-Coburg sowie Wüstenrot & Württembergische. „Wenn nicht reihenweise Banken umfallen, wird es für Versicherer keine Krise geben“, sagte Wolfgang Weiler, Finanzvorstand und künftiger Chef des Versicherungsvereins HUK-Coburg.

Anders als Banken leiden Versicherer kaum unter Liquiditätsproblemen, weil ihnen regelmäßig Prämieneinnahmen zufließen. Zu schaffen machen ihnen jedoch die sinkenden Börsenkurse, denn sie müssen Milliardenbeträge gewinnbringend anlegen, um Verpflichtungen gegenüber den Kunden nachkommen zu können. Hinzu kommen die ungewisse Entwicklung der langfristigen Zinsen und der Ausfall von Wertpapieren, etwa von Lehman Brothers. Börsennotierte Versicherer wie der Branchenprimus Allianz oder die französische Axa leiden darüber hinaus stark unter dem Verfall ihrer eigenen Kurse.

Versicherer in der Rechtsform eines Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit sind von den Kapitalmärkten weniger abhängig als Aktiengesellschaften. „Wir müssen nicht jede Modewelle des Kapitalmarkts mitreiten“, sagte Weiler. „Wir müssen uns nicht auf Extremrenditen fokussieren.“ Versicherungsvereine gehören den Kunden und nicht wie eine Aktiengesellschaft den Aktionären. Deshalb müssen sie Gewinne nicht an Anleger ausschütten. Das kann sie in Zeiten geringer Kapitalerträge für Kunden attraktiver machen. Versicherungsvereine könnten deshalb zu den Gewinnern der Krise gehören. Bislang habe es keinen Wettbewerb mit der Rechtsform gegeben, sagte Weiler. „Ich stelle fest, dass sich das geändert hat.“

Lebensversicherer stehen beim Verkauf von Altersvorsorge-Verträgen in Konkurrenz zu Banken und Investmentgesellschaften. „In diesem Wettbewerb sind die Versicherer besser aufgestellt“, sagte Frank Ellenbürger, Vorstand der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Früher haben Versicherer die Möglichkeit hoher Renditen für Kunden betont, jetzt steht die Sicherheit im Vordergrund. Die Altersvorsorge sei kein Feld für Renditen von acht oder neun Prozent, betonte Walter Botermann, Vorstand der Alte-Leipziger, ebenfalls ein Versicherungsverein. Hohe Renditen ohne Risiko zu erwirtschaften sei für Kapitalanleger bei Versicherern nicht möglich, sagte er. In der Altersvorsorge seien Renditen knapp über dem Inflationsausgleich schon gut. Auch Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise sieht die Lebensversicherer gut aufgestellt. Die Allianz sei nicht so pessimistisch wie der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft, der in der Lebensversicherung für 2009 mit einem Rückgang der Beitragseinnahmen von 1,5 Prozent rechnet. „Meine Erwartung wäre, dass die Nachfrage nach Lebensversicherungsprodukten steigt, wenn Anleger von der Sicherheit überzeugt sind“, sagte er. Das gelte auch, wenn die Renditen zurückgehen sollten.

Die Branche müsse infolge der Krise mit stärkeren Eingriffen des Staates rechnen. „Die Liberalisierung der vergangenen Jahre hat ein Ende gefunden“, sagte Heise. Noch sei zwar nicht absehbar, an welchen Punkten der Staat eingreife. Dass er es tue, stehe aber fest. „Wir müssen aufpassen, dass der Zug nicht zu weit rollt“, warnte er. Auch Alte-Leipziger-Vorstand Botermann erwartet Eingriffe. „Das Pendel wird zurückschlagen, wir werden eine Regulierung kriegen vielleicht bis zum Produkt.“ Damit wolle die Politik für Beruhigung sorgen.

Zunächst stehen den Versicherern lange geplante verschärfte Eigenkapitalrichtlinien Solvency II der EU ins Haus. „Solvency II ist ein Riesenfortschritt“, sagte Jan Martin Wicke, Vorstand des Finanzkonzerns Wüstenrot & Württembergische. „Wir als Versicherer sind daran interessiert, dass Kunden und Industrie Vertrauen in uns haben.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit