Konjunkturpakete stoßen Bürgschaftsgeschäft an

Die Baubranche freut sich über eine Zunahme öffentlicher Aufträge. Doch nichtalle Kautionsversicherer profitieren davon

Von Friederike Krieger

Die Ausschreibung klang gut: Die Philadelphia Parking Authority suchte ein Unternehmen, das die amerikanische Stadt mit 1000 Parkscheinautomaten im Wert von 10 Mio. $ ausstattet. Der Hannoveraner Konzern Höft & Wessel fühlte sich angesprochen. Die 500 Mitarbeiter starke Firma stellt Fahrschein- und Check-In-Automaten für Deutsche Bahn und Lufthansa her – und hat eine Tochter in Großbritannien, die auf Parkscheinautomaten spezialisiert ist.

Doch die Amerikaner forderten sehr umfangreiche Garantien. Um sich vor dem Fall zu schützen, dass Höft & Wessel während der Vertragslaufzeit pleitegeht und die Automaten nicht fertig bauen kann, wollte die Stadt Philadelphia die Rechnungssumme erst nach Ende des 15 Monate dauernden Projekts zahlen. „Ohne Kautionsversicherung hätten wir den Auftrag nicht annehmen können“, erklärt Christian Mascher von Höft & Wessel. „In Europa behalten die Auftraggeber nur zwischen fünf und zehn Prozent der Vertragssumme ein.“

Bei den Policen übernimmt der Anbieter eine Bürgschaft für seinen Kunden. Der Versicherungsnehmer erhält den vollen Rechnungsbetrag sofort. Kann er den Auftrag nicht vollenden oder Mängel nicht beseitigen, weil er insolvent ist, muss der Versicherer die vereinbarte Summe an den Auftraggeber zahlen. Höft & Wessel ist über Zurich und Euler Hermes abgesichert und kann Bürgschaften bis zu 9 Mio.Euro abrufen.

Auch Banken gewähren solche Garantien. Mit einem Marktanteil von rund 85 Prozent dominieren sie das Geschäft. Eine Bürgschaft über einen Versicherer hat jedoch Vorteile: „Die Assekuranz verlangt weniger Sicherheiten von den Unternehmen als die Banken“, sagt Thomas Voigt, Vorstand beim Versicherer VHV. Banken müssen die Bürgschaften zudem wie Darlehen behandeln, was die Kreditlinie der Kunden schmälern kann.

Trotz Krise stiegen die gebuchten Bruttobeiträge der Kautionsversicherer nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft 2009 um 3,4 Prozent auf 342,2 Mio.Euro, die Schäden sanken um sieben Prozent auf 106,4 Mio.Euro. Das Beitragswachstum führt der Verband in erster Linie auf die milliardenschweren Konjunkturpakete zurück, mit denen die Bundesregierung die Sanierung von Schulen, Straßen und Krankenhäusern fördert. Öffentliche Bauherren vergeben in der Regel keinen Auftrag ohne Bürgschaft.

Marktführer R+V wuchs nach eigenen Angaben sogar stärker als der Markt. Zahlen wollte der Versicherer nicht nennen. „Unsere Kunden kommen hauptsächlich aus dem Ausbaugewerbe und haben in den vergangenen Jahren volle Auftragsbücher gehabt“, sagt R+V-Sprecherin Brigitte Römstedt. „Letztlich kam der Branche auch das Investitionsprogramm der Bundesregierung zugute.“

Zurich musste 2009 dagegen Prämienrückgänge verbuchen. Das Ziel, bis 2010 europäischer Marktführer in diesem Segment zu werden, hat die Gesellschaft auf 2012 verschoben. In Deutschland ist Zurich die Nummer drei hinter R+V und Euler Hermes. Zu ihren Kunden zählen viele Maschinenbauer, die 2009 starke Umsatzeinbrüche hinnehmen mussten. Im Gegensatz zur mittelständisch orientierten R+V hat die Zurich auch viele Verträge mit global agierenden Baukonzernen. „Bei den kleinen und mittelständischen Betrieben kommen die Konjunkturpakete langsam an“, sagt Vorstandsmitglied Marita Kraemer. „Die großen Unternehmen profitieren davon kaum.“

Cornelius Freese vom Versicherungsmakler Funk bestätigt, dass die Baubranche das Investitionsprogramm noch nicht sonderlich stark spürt. Die Zuwächse bei den Kautionsversicherern seien eher Preiserhöhungen geschuldet. „Die Bilanzen der Unternehmen haben sich nicht zum Positiven entwickelt, weshalb die Versicherer die Prämien teilweise erhöht haben“, sagt er.

Auch für den Automatenbauer Höft & Wessel sind die Preise für den Versicherungsschutz gestiegen. Das Rating der Firma hatte sich wegen hoher Abschreibungen verschlechtert. „Es ist derzeit sehr schwer, die Linien bei Kautionsversicherern aufrecht zu erhalten und neue zu bekommen“, sagt Mascher. Nach zusätzlicher Deckung für den Parkautomaten-Auftrag hat die Firma lange gesucht. Euler Hermes gewährte ihr schließlich ein Sonderlimit.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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