Alle Leistungen unter einem Dach

Die Kostenträger wollen nicht nur zahlen, sondern auch bei der Versorgungmitreden

Friederike Krieger

Für ihr Kölner Gesundheitszentrum GoMedus hat die Deutsche Krankenversicherung (DKV) keine Kosten und Mühen gescheut: Das Gebäude ist zentral in der Innenstadt gegenüber der altehrwürdigen Veranstaltungsstätte Gürzenich gelegen, die Einrichtung ist schick. Der zur Ergo-Gruppe gehörende private Krankenversicherer hat hier ein Zentrum mit Medizinern der unterschiedlichsten Fachrichtungen aufgebaut, von der Dermatologie über die Neurologie bis hin zur Zahnheilkunde. DKV-Kunden verspricht das Unternehmen eine schnelle Terminvergabe, kurze Wartezeiten und eine hohe Behandlungsqualität.

Das Kölner GoMedus-Projekt ist nicht das einzige seiner Art. Es gibt Zentren in Düsseldorf und Berlin, im Januar 2011 soll ein weiteres Haus in München öffnen. Auch außerhalb der Zentren arbeitet die DKV mit Ärzten und medizinischen Dienstleistern zusammen. Sie hat mit 2000 Kooperationspartnern Vereinbarungen getroffen, die eine hohe Behandlungsqualität für Patienten gewährleisten sollen.

Mit seinem Engagement will der Versicherer nicht nur Kunden gewinnen und binden. „Mittelfristig ist durch optimierte medizinische Versorgung eine Minderung der Leistungsausgaben in der DKV durch die medizinischen Netze absehbar“, sagt Andreas Kottmeier, Leiter des Gesundheitsmanagements der DKV. Das ist etwa möglich, indem die Behandlungen von Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen besser aufeinander abgestimmt und teure Doppeluntersuchungen vermieden werden.

Die DKV ist kein Einzelfall. Immer mehr Kostenträger möchten nicht nur die Rechnungen von Patienten zahlen, sondern bei der Versorgung mitreden. „Die Versicherer wollen Teil der Behandlungskette werden“, sagt Christian Egle, Gesundheitsexperte der Unternehmensberatung Accenture.

Vorreiter der Entwicklung sind die gesetzlichen Krankenkassen. Sie haben sich schon früh darauf konzentriert, in Kooperation mit Medizinern und anderen Leistungserbringern für chronisch Kranke wie Diabetiker, Asthmatiker und Patienten mit Herzschwäche spezielle Behandlungspfade zu implementieren. Für Patienten mit solchen Erkrankungen geben die Kassen das meiste Geld aus. „20 Prozent der Versicherten verursachen rund 80 Prozent der Kosten“, erklärt Egle. Die Idee: Wird etwa ein Diabetiker optimal versorgt, bleiben teure Folgeerkrankungen wie Nierenversagen oder Durchblutungsstörungen aus.

Ein Pionier des Behandlungsmanagements ist die Krankenkasse Knappschaft Bahn-See. „Unsere Versicherten sind im Durchschnitt 18 Jahre älter als in der gesetzlichen Krankenversicherung üblich“, sagt Hans-Adolf Müller, Leiter des Gesundheitsmanagements der Knappschaft. Die rund 1,7 Millionen Mitglieder starke Kasse ist selbst als Leistungserbringer aktiv. Sie besitzt vier Krankenhäuser, zehn Reha-Kliniken und ist an sieben weiteren Krankenhausbetreibern und drei Reha-Kliniken beteiligt.

Eigentlich ist es Kassen verboten, eigene Kliniken zu besitzen, doch die Knappschaft nimmt eine Sonderstellung ein. Sie war ursprünglich nur den Bergleuten vorbehalten, für die sie schon im 13. Jahrhundert die erste eigene Klinik gründete. „Die Bergleute hatten sehr spezielle Erkrankungen, die besonders behandelt werden mussten“, sagt Müller.

Die Knappschaft hat ihre Kliniken über spezielle Verträge mit niedergelassenen Medizinern vernetzt, die sich mit den Krankenhausärzten bei der Behandlung abstimmen. „Eigene Kliniken zu haben, ist dabei schon ein extremer Vorteil“, sagt Müller. Weil die Knappschaft im Management der Häuser das Sagen habe, funktioniere die Verbindung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung besser als bei Netzen anderer Kostenträger, die mit Kliniken nur Kooperationsvereinbarungen haben. Die Behandlung der Patienten in den medizinischen Netzen sei sieben bis acht Prozent günstiger als in der Regelversorgung.

Es gelingen längst nicht alle Versuche von Versicherern, im Behandlungsgeschehen stärker Fuß zu fassen. Die Techniker Krankenkasse (TK) hat im Juni 2010 ihr Projekt Atrio-Med beerdigt. Die Kasse hatte in Zusammenarbeit mit der Schweizer Firma HCM medizinische Versorgungszentren in Köln, Hamburg, Berlin und Leipzig aufgebaut. Das Zentrum in Hamburg wurde von der örtlichen Ärzteschaft angefeindet, der Berliner Standort verlor wegen Vorwürfen des Abrechnungsbetrugs vorübergehend die Zulassung. Kritiker warfen der Kasse vor, Versichertengelder für Überflüssiges wie verkürzte Wartezeiten und Getränke im Wartezimmer zu verplempern. Die TK kündigte schließlich die Verträge mit HCM. „Wir glauben nach wie vor an das Konzept, hatten aber Differenzen mit dem Betreiber“, begründet TK-Sprecherin Dorothee Meusch den Rückzug aus dem Projekt. Sie lässt offen, ob die Kasse einen neuen Anlauf wagen will.

Die Innovationsfreude der gesetzlichen Versicherer in diesem Bereich habe seit der Einführung des Gesundheitsfonds deutlich abgenommen, sagt Egle von Accenture. „Einige Kassen bekommen jetzt weniger Zuweisungen“, sagt er. Sie hätten daraufhin ihre Investitionen in neue Projekte weitgehend eingefroren.

Dafür setzen jetzt die privaten Krankenversicherer verstärkt auf Versorgungsmanagement. „Früher sahen viele Gesellschaften nicht die Notwendigkeit, aktiv zu werden, denn ihre Kunden waren jünger und gesünder als die in der GKV“, sagt Egle. Doch auch die Privatversicherten altern und der Gesundheitszustand verschlechtert sich. Die privaten Anbieter seien besser bei der Vermarktung neuer Versorgungsangebote. „Sie haben allerdings einen relativ geringen Marktanteil“, sagt Egle. Es gibt 46 private Gesellschaften, die zusammen gerade einmal zehn Prozent der Bevölkerung versichern. Die meisten Programme rechnen sich aber nur, wenn sehr viele Versicherte mitmachen, ist er überzeugt.

Nicht alle sind der Meinung, dass das Engagement der Krankenversicherer im Behandlungsgeschehen eine gute Idee ist. Die Ärzteschaft mahnt zur Vorsicht. „Die Kassen betonen zwar immer, dass die bessere Versorgung der Patienten im Vordergrund steht, aber wir sind da skeptisch“, sagt Roland Stahl, Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Er fürchtet, dass in manchen Fällen eher die Ökonomie an erster Stelle steht. „Krankenkassen sollen aber keine Sparkassen sein“, sagt er.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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