Politik will Japan-Szenario verhindern

Lebensversicherer erleichtert über spätere Senkung des Garantiezinses //Verbraucherschützer fürchten Schlussverkauf

Anja Krüger , Köln

Die Lebensversicherer reagieren mit Erleichterung darauf, dass die Senkung des Garantiezinses erst zum 1. Januar 2012 erfolgt. In der Diskussion um den Zeitpunkt der Maßnahme war ursprünglich auch der 1. Juli 2011 im Gespräch. Der Kompromiss gibt der Branche Zeit für die notwendigen formalen Anpassungen – und einen Schlussverkauf der alten Policen, wie Verbraucherschützer unken.

Das Bundesfinanzministerium hat gestern bekannt gegeben, dass der Garantiezins zum 1. Januar 2012 von derzeit 2,25 Prozent auf 1,75 Prozent zurückgefahren werden muss. Es ist eine Reaktion auf die anhaltenden niedrigen Zinsen, die der Assekuranz schwer zu schaffen machen. Die Politik fürchtet das sogenannte Japan-Szenario: In dem Inselstaat brachen in den 90er-Jahren und zu Beginn dieses Jahrhunderts sieben große Lebensversicherer als Folge der langen und extremen Niedrigzinsphase zusammen. Etwas Vergleichbares in Deutschland würde den eingeschlagenen Weg der Teilprivatisierung der sozialen Sicherungssysteme infrage stellen.

Daher geht die Bundesregierung bei der Senkung weiter, als es aus Sicht der Versicherer erforderlich gewesen wäre, die eine Reduktion auf zwei Prozent wünschten. „Aufgrund des deutlichen Zins- und Inflationsanstiegs in jüngster Zeit sowie einer möglichen weiteren Zinsnormalisierung dank der positiven Konjunktur hätte das vollkommen ausgereicht“, sagte der Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft, Jörg von Fürstenwerth.

Die Senkung kommt für die Assekuranz zur Unzeit. Die Lebensversicherer kämpfen mit massiven Wachstumsproblemen im Kerngeschäft Verträge gegen laufenden Beitrag. Hier verlieren sie immer mehr an Boden gegenüber anderen Anbietern wie Fonds. Bekommen Fondssparpläne für die Altersvorsorge wie geplant die gleichen Steuervorteile wie Lebensversicherungen, wird sich der Konkurrenzkampf weiter verschärfen. Auch die Absenkung der Garantieleistung verschlechtert die Wettbewerbsfähigkeit der Versicherer, denn der fest zugesagte Zins ist ein gutes Marketinginstrument.

„Die Entscheidung des Bundesfinanzministeriums ist ein Kompromiss, mit dem wir gut leben können“, sagte ein Sprecher des Marktführers Allianz Leben. Man hätte sich auch vorstellen können, an der bisherigen Verzinsung festzuhalten. Die Allianz Leben begrüßt, dass die neue Garantieverzinsung erst ab Januar 2012 gelten wird. „Es ist für die Branche eine Erleichterung, mehr Zeit für Umstellung zu haben“, sagte der Sprecher.

Zum Jahresende stünden ohnehin regelmäßig Neuerungen bei der Gestaltung der Verträge an. „Wir können die Änderungen in einem Aufwasch einpflegen“, sagte er. Das spare Kosten. Einen Schub für den Vertrieb in einer Art Schlussverkauf für Policen mit der alten Garantieverzinsung werde es nicht geben. „Die Erfahrung zeigt, dass so etwas nicht viel ausmacht“, sagte er.

Die letzte Senkung des Garantiezinses liegt vier Jahre zurück. Zum Januar 2007 fiel der Zins von 2,75 Prozent auf den jetzigen Wert. Bis zum Jahr 2000 ist der Garantiezins allerdings immer nur gestiegen. Von 1949 bis 1987 lag er bei drei Prozent, bis Juli 1994 bei 3,5 Prozent und dann bei vier Prozent. Sei t Juli 2000 ging es nur noch abwärts.

Anders als die Allianz gehen Verbraucherschützer von verstärkten Verkaufsanstrengungen in den kommenden Monaten aus. „Die Erfahrung zeigt, dass die Versicherer jede Veränderung für einen Schlussverkauf nutzen“, sagte Thorsten Rudnik vom Bund der Versicherten. „Ab morgen werden die Vertriebe mit dem Argument der sinkenden Garantie unterwegs sein.“ Verbraucherschützer hatten gegenüber dem Bundesfinanzministerium die Absenkung auf 1,75 Prozent gefordert. Sie fürchteten eine kurz aufeinanderfolgende Reduzierung mit dem Effekt eines doppelten Schlussverkaufs.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit