Branche mit Imageproblem

Inkasso-Dienstleister kämpfen um ein besseres Ansehen. Unternehmen warten oftzu lange, bis sie Geldeintreiber rufen

Anja Krüger

Vielen erscheint dieses Bild vor dem inneren Auge, wenn sie das Wort Inkasso hören: große bullige Männer mit Glatze und der Bereitschaft, Worten handfeste Taten folgen zu lassen und – auch wenn es gegen die Political Correctness verstößt – mit osteuropäischem Akzent. Ein klassisches Vorurteil. Das Geldeintreibergewerbe hat einen denkbar schlechten Ruf. In kaum einer anderen Branche bestimmen – ja ruinieren – die schwarzen Schafe derart den Ruf des ganzen Wirtschaftszweigs.

Denn mit denen machen Verbraucher schlimme Erfahrungen. Die Schlagzeilen waren eindeutig, als der Bundesverband der Verbraucherzentralen die Ergebnisse einer Studie zu Beschwerden über Inkasso-Unternehmen veröffentlicht hatte. „Die meisten zahlen nur aus Angst“, schrieb die Süddeutsche Zeitung, „Abzocke, kriminelle Methoden und mafiöse Strukturen“ die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Die Verbraucherzentralen hatten 4000 Beschwerden über Inkasso-Unternehmen analysiert. Das Ergebnis: 99 Prozent waren berechtigt. Mit üblen Maschen versuchen die Rowdys der Branche, Verbraucher abzuzocken. Sie schicken Rechnungen, obwohl der Empfänger niemandem etwas schuldet, oder locken Internetnutzer mit Gewinnspielen. Zahlt der Angeschriebene nicht, drohen die Absender auch schon mal mit Hausbesuchen. „Das sind kriminelle Methoden“, schimpft Gerd Billen, Vorstand des Bundesverbands der Verbraucherzentralen.

Der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) stellt sich keineswegs gegen die Verbraucherschützer. Im Gegenteil, er begrüßt die Auswertung. „Sie zeigt, dass die Behörden dringend Instrumente brauchen, mit denen sie wirkungsvoll gegen Abzocker und unseriöse Geschäftemacher vorgehen können“, sagt BDIU-Präsident Wolfgang Spitz. „Das bringt Unternehmen und Verbrauchern mehr Rechtssicherheit bei der Zusammenarbeit mit seriösen Inkasso-Diensten.“

Das ist selten: Eine Branche ruft nach schärferen Regeln und Sanktionsmöglichkeiten für sich selbst. „Wir wollen kontrolliert werden“, sagt BDIU-Sprecher Marco Weber. Der Verband fordert zum Beispiel Sanktionsmöglichkeiten wie Geldbußen für unseriöse Inkasso-Unternehmen. Die Aufsicht ist in den Bundesländern höchst unterschiedlich geregelt. Die zuständigen 79 Behörden können den Unternehmen zwar die Erlaubnis für die Geschäftstätigkeit entziehen. Aber die Hürden sind so hoch, dass das so gut wie nicht geschieht. Die Politik hat auf die Alarmrufe reagiert. Das Bundesjustizministerium hat ein Eckpunktepapier zur Verbesserung der Aufsicht vorgelegt.

Jeder, der Rechnungen schreibt, die nicht bezahlt werden, kann ein Inkasso-Unternehmen einschalten. Das gilt für Selbstständige wie Ärzte oder Architekten ebenso wie für Großkonzerne. Der Schuldner muss dafür Gebühren an den professionellen Geldeintreiber zahlen, die sich an den Vergütungssätzen der Rechtsanwälte orientieren. Darüber hinaus vereinbaren Auftraggeber und Inkasso-Dienst eine frei aushandelbare Gebühr. Bevor ein Eintreiber sich die Forderung zu eigen macht, prüft er die Angelegenheit und den Schuldner genau. Gibt es dort nichts zu holen, lässt der Inkasso-Dienst die Finger von dem Fall.

Der BDIU ist der größte Inkasso-Verband in Europa. Nach eigenen Angaben repräsentiert er 90 Prozent des deutschen Marktes. Die 560 Mitglieder realisieren für rund 500 000 Auftraggeber jährlich mehr als 5 Mrd. Euro. Es gibt zwar mehr Forderungen gegen Verbraucher als gegen Unternehmen. Aber bei Firmen ist das Finanzvolumen der offenen Rechnungen höher.

Akzeptanz bei FirmenDer Kreditversicherer Coface hat vor einigen Jahren das Geschäftsfeld Verbraucher-Inkasso aufgenommen, um seinen großen Kunden wie Energieversorgern oder Kreditkartenanbietern auch diese Dienstleistung anbieten zu können. „Wir fahren das aber wieder zurück“, sagt Alexander Kraus, Leiter der Inkasso-Tochter von Coface. Kreditversicherer sichern Hersteller dagegen ab, dass der Abnehmer zwischen Erhalt der Ware und fälliger Rechnung pleitegeht. In vielen Branchen ist es nicht unüblich, dass die Kunden erst 90 oder 120 Tage nach Erhalt der Lieferung zahlen. Große Kreditversicherer sind neben Coface die niederländische Atradius und die Allianz-Tochter Euler Hermes. Die Gesellschaften unterstützen Unternehmen über die Versicherung hinaus beim Forderungsmanagement, wie es im Fachjargon heißt. Dabei geht es darum, dass Firmen mit verschiedenen Instrumenten systematisch Außenstände eintreiben. Das beginnt mit der eingehenden Bonitätsprüfung des Belieferten, geht über den Verkauf offener Rechnungen, das sogenannte Factoring, und das Eintreiben von Außenständen durch spezielle Dienstleister bis zum Abschluss einer Kreditversicherung.

„Zwischen dem Inkasso bei Verbrauchern und dem bei Unternehmen liegen Welten“, sagt Kraus. Bei Privatleuten sind die Geldeintreiber schlecht angesehen. Das ist bei Unternehmen anders. Sie pflegen einen professionellen Umgang mit Inkasso-Dienstleistern – als Schuldner und als Gläubiger. Coface zieht sich aus dem Verbrauchergeschäft zurück, weil es aufwendig ist und gleichzeitig geringe Summen offen sind. Bei Privatleuten geht es im Schnitt um 70 Euro. Die Beträge, die Unternehmen anderen Unternehmen schulden, sind viel höher. Bei Coface liegt der Wert einer im Ausland einzutreibenden Rechnung im Schnitt bei 10 000 Euro, im Inland sind es 5000 Euro. „Die Spanne ist aber sehr groß“, sagt Kraus. „Bei manchen Außenständen geht es um 500 Euro, teilweise aber auch um eine siebenstelligen Betrag.“

Die deutsche Coface-Tochter ist mit den Schwestergesellschaften in anderen Ländern bestens vernetzt. Wendet sich ein deutscher Exporteur mit einer offenen Rechnung an das Unternehmen, gibt Coface das Anliegen an einen Spezialisten vor Ort weiter. „In den Ländern, in denen wir keine eigenen Gesellschaften haben, haben wir feste Geschäftspartner“, sagt Kraus. Die Inkasso-Gesellschaften müssen sich mit den Gegebenheiten vor Ort auskennen, etwa den Besonderheiten des jeweiligen Rechtssystems.

Coface hat rund 6000 Verträge im Geschäftsfeld Inkasso. Davon haben 4500 bis 5000 eine Querverbindung zu einem der anderen Geschäftsfelder des Kreditversicherers. Rund 480 000 offene Rechnungen treiben die Spezialisten weltweit im Jahr ein, 2010 im Wert von 470 Mio. Euro. Ein wichtiger Nebeneffekt: Das Inkasso-Geschäft liefert wichtige Informationen für die Datenbank von Coface. Kerngeschäft der Kreditversicherer ist die Prüfung der wirtschaftlichen Stabilität der Abnehmer ihrer Kunden. Je früher sie von schlechten Nachrichten erfahren – und unbezahlte Rechnungen gehören dazu -, umso besser.

„Das Inkasso-Geschäft entwickelt sich gegenläufig zur Wirtschaft“, sagt Kraus. In der Krise nimmt die Nachfrage zu, im Aufschwung ab. Dabei machen Unternehmen nach seinen Erfahrungen oft einen Fehler: Sie warten zu lange. „Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist die schnelle Reaktion“, sagt er. So mancher Manager schreckt vor einem strikten Mahnwesen und dem rechtzeitigen Einschalten eines Inkasso-Dienstleisters zurück. Das rächt sich. Je länger ein Unternehmen damit wartet, einem säumigen Zahler Beine zu machen, desto schlechter sind die Erfolgsaussichten.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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