Anbieter wildern bei Erstversicherern

Rückversicherer engagieren sich verstärkt in der Industrieversicherung. Dasärgert die Kunden

Friederike Krieger

Friederike Krieger

Es war eine Kampfansage an die eigenen Kunden. Anfang August verkündete Swiss-Re-Chef Michel Liès bei der Vorstellung der Quartalszahlen, dass der Konzern nicht nur zum führenden Anbieter in der Rückversicherung aufsteigen, sondern auch in der Versicherung von Großunternehmen die Nummer eins werden wolle.

Wie die meisten Rivalen deckt Swiss Re nicht nur Versicherer gegen Großschäden ab, sondern macht schon seit Jahren direkte Geschäfte mit der Industrie. Weil das Kerngeschäft Rückversicherung stagniert, wird dieser Geschäftsteil immer wichtiger. Im Jahr 2015 soll das Industrieversicherungssegment nach Liès‘ Plänen auf Prämieneinnahmen von bis zu 5 Mrd. Dollar (3,9 Mrd. Euro) kommen. Gelingt das, würde der Anbieter für Industrieversicherer wie Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) ein ernst zu nehmender Konkurrent.

Die Allianz-Tochter gibt sich ob des verschärften Wettbewerbs gelassen. „In erster Linie ist es einfach ein weiterer Marktteilnehmer, da gibt es per se keinen Unterschied zu den anderen Erstversicherern“, sagt Klaus Przybyla, Deutschland-Chef von AGCS. „Die Brisanz ist nur, dass einerseits ein Kundenverhältnis zum Erstversicherer besteht und andererseits ein Konkurrenzverhältnis.“ Es sei daher wichtig, dass sich Rückversicherer an Spielregeln halten und sogenannte Chinese Walls zwischen den einzelnen Bereichen errichten. Damit ist eine strikte Trennung zwischen den Rück- und Erstversicherungsaktivitäten gemeint. Sie soll verhindern, dass die Industriesparte Informationen aus dem Kundenverhältnis mit einem Erstversicherer nutzt, um mit ihm zu konkurrieren. Steht die Chinese Wall, hat Przybyla gegen die Konkurrenz nichts einzuwenden.

Christian Hinsch, Chef des zur Talanx-Gruppe gehörenden Industrieversicherers HDI-Gerling, sieht das Engagement der Rückversicherer dagegen äußerst kritisch – obwohl zu Talanx auch die Hannover Rück gehört. „Aus meiner Sicht ist es der Normalfall, dass unsere Geschäftspartner nicht mit uns in Wettbewerb treten“, sagt er. HDI-Gerling würde ja auch nicht auf die Idee kommen, seinen Kunden Konkurrenz zu machen und selbst Autos zu bauen oder in Dienstleistungsbranchen aktiv zu werden. „Wenn ein Rückversicherer meint, er müsste Industrieversicherungsgeschäft betreiben, dann mag das für ihn Sinn machen“, sagt Hinsch. „Er muss aber damit rechnen, dass seine Geschäftspartner dann ihre Strategie im Hinblick auf dieses Unternehmen überdenken.“

Er glaubt nicht, dass Rückversicherer über das nötige Know-how verfügen, um in der Industrieversicherung Erfolg zu haben. „Einem Rückversicherer, selbst wenn er so international aufgestellt ist wie die Swiss Re, fällt es schwer, die Dienstleistung, die ein Industrieversicherer bietet, zur Verfügung zu stellen“, sagt er. Dazu gehöre ein weltweites Netzwerk für die Schadenregulierung.

Michael Dehm, General Manager bei der zur AIG-Gruppe gehörenden Chartis Europe, sieht das ähnlich. „Die Anbieter verfügen schon über viel Expertise, aber ein Rückversicherer ist in erster Linie ein Rückversicherer“, sagt er. In der Industrieversicherung seien die Nähe zum Kunden sowie eine gute Administration und Schadenabwicklung sehr wichtig. „Ich bezweifle, dass Rückversicherer dies in der Breite und damit als Geschäftsmodell leisten können – auch wenn es punktuell Ausnahmen geben mag.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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