Fehler werden zur Chefsache

Gerade im Abschwung sind Berufshaftpflichtversicherungen für Manager wichtig.Doch der Abschluss erhöht auch die Bereitschaft der Unternehmen, ihreFührungskräfte in die Pflicht zu nehmen

VON Anja Krüger

Der Manager fiel aus allen Wolken. Von dem Mahnschreiben der Justizbehörde hatte sein Vorgänger ihm nichts gesagt. Nun soll die Firma für das Versäumnis büßen – und der Geschäftsführer mit seinem persönlichen Vermögen. „Er hätte dafür sorgen müssen, dass ihm alle wichtigen Papiere übergeben werden“, erklärt Rüdiger Eisele, Justiziar des Bundesverbands mittelständischer Wirtschaft.

Im Fall des verschlampten Mahnschreibens handelt es sich um ein sogenanntes Organverschulden. Das heißt: Geschäftsführer und Vorstände müssen dafür Sorge tragen, dass im Unternehmen alles richtig läuft und das kontrollieren. Eine Pflichtverletzung kann sie teuer zu stehen kommen. Untiefen gibt es viele: Manager können zur Kasse gebeten werden, weil sie verlustreiche Verträge geschlossen haben, der Fiskus kann nach einer Pleite von ihnen nicht gezahlte Steuern verlangen, oder der Inhaber eines Familienunternehmens ist der Auffassung, dass der Geschäftsführer die Grundstücke der Firma viel zu billig verkauft hat.

Gegen solche Ansprüche können Unternehmen ihr Führungspersonal mit einer Directors‘-and-Officers‘- Versicherung (D&O) schützen. In der Regel schließt das Unternehmen die Police für seine Topmanager ab und zahlt sie. Marktführer in Deutschland sind die Allianz und die europäische Tochter des angeschlagenen US-Versicherers AIG. Weitere große Gesellschaften sind die amerikanischen Gesellschaften ACE und Chubb sowie die Zurich.

Zu den bekanntesten D&O-Versicherten gehört Ex-Daimler-Chef Jürgen Schrempp. Er hatte in einem Interview erklärt, beim Zusammenschluss von Daimler und Chrysler habe es sich um eine Übernahme, und nicht, wie während des Deals behauptet, um eine Fusion unter gleichen gehandelt. Chrysler-Anleger sahen sich getäuscht und erstritten vor Gericht Schadenersatz. Die D&O- Versicherer zahlten 193 Mio. Euro.

Mit solch spektakulären Fällen sind Manager mittelständischer Firmen bislang nicht in die Schlagzeilen geraten. Das bedeutet aber nicht, dass sie unbehelligt geblieben sind. „In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der in Anspruch genommenen Manager im Mittelstand deutlich nach oben entwickelt“, sagt Eisele, der als Rechtsanwalt auch Manager vertritt. Aus Angst vor Prestigeverlust versuchen die Beteiligten, die Sache unter sich zu regeln.

Gerade in der Wirtschaftskrise sind Manager vielen Haftungsgefahren ausgesetzt. Nach einer Firmenpleite halten sich Gläubiger oder Insolvenzverwalter oft an Geschäftsführer oder Vorstand. Die D&O-Versicherer reagieren darauf, sagt Alexander Mahnke vom Versicherungsmakler Aon Jauch & Hübener. „Sie versuchen, insolvenzbedingte Schäden auszuschließen“, berichtet er. Aber Kunden haben gute Chancen, einen Vertrag ohne diesen Ausschluss zu bekommen. „Der Wettbewerb um Kunden aus dem Mittelstand ist sehr groß“, sagt Mahnke.

Anders als bei Großkonzernen liegen die Deckungssummen nicht im dreistelligen Millionenbereich, sondern meistens im ein- oder höchstens zweistelligen. „Fast alle Versicherer suchen Ausgleichsgeschäfte im Mittelstand“, sagt Rainer Hoff, D&O-Experte der Ergo-Versicherungsgruppe, einer Tochter des Rückversicherers Münchener Rück. Die Folge: fallende Preise. Unternehmen bekommen heute für weniger als 1000 Euro im Jahr pro 1 Mio. Euro Deckung.

Doch eine Gesetzesinitiative von Abgeordneten der großen Koalition könnte den Abschluss einer D&O für viele mittelständische Manager geradezu gefährlich machen. Die Abgeordneten von SPD und CDU/CSU wollen durchsetzen, dass beim Abschluss einer Police eine obligatorische Eigenbeteiligung in Höhe eines Jahresgehalts inklusive aller variablen Gehaltsbestandteile vereinbart werden muss. Im Mittelstand sind Deckungssummen von 1 oder 2 Mio. Euro nicht selten. Verdient ein Manager im Jahr zwischen 500 000 Euro und 1 Mio. Euro, macht das einen Großteil der Deckungssumme aus.

Beobachter erwarten, dass sich Führungskräfte aus dem Mittelstand deshalb gut überlegen werden, ob sie wollen, dass ihr Unternehmen überhaupt eine Managerhaftpflichtversicherung abschließt. Denn nach den Erfahrungen aus den vergangenen Jahren werden Manager von ihrem eigenen Unternehmen häufig nur in Haftung genommen, wenn die Police existiert. Verzichtet die Firma auf den Abschluss einer D&O, sinkt damit möglicherweise die Gefahr für das Management, zur Kasse gebeten zu werden.

Ohnehin ist die Phase günstiger Preise und Bedingungen bald vorbei. Die Rückversicherer, an die Erstversicherer wie Allianz oder Victoria einen Teil der Risiken weitergeben, ziehen sich teilweise aus dem Markt zurück. Sie erwarten krisenbedingt eine drastische Zunahme der Schäden in dieser Sparte. Der weltweit größte Rückversicherer Münchener Rück hat die Kapazitäten schon gedrosselt. „Wir versichern keine brennenden Häuser“, sagt Vorstand Torsten Jeworrek.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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