Kein Schutz für Pleitekandidaten

Unternehmen fühlen sich von den Kreditversicherern im Regen stehen gelassen.Denn sie bekommen Deckungen gegen Zahlungsausfälle nicht im gewünschten Umfang

VON Anja Krüger

Kreditversicherer nehmen für sich in Anspruch, die Folgen der Krise für Unternehmen abzufedern. Denn sie schützen sie davor, auf offenen Rechnungen an insolvente Kunden sitzen zu bleiben. Das ist das Geschäftsmodell. Doch im Moment federn die Versicherer nicht ab, sondern verstärken die Krise, sagen Industrieverbände. Die Anbieter der Policen sehen sich zu Unrecht an den Pranger gestellt.

Die Kreditversicherer haben im großen Stil die Deckung zurückgefahren, sagt Reinhard Kudiß vom Bundesverband der Deutschen Industrie. „Das sind keine Einzelfälle“, sagt er. Die Unternehmen gerieten durch die Zurückhaltung der Versicherer gleich mehrfach unter Druck. Sie müssten mögliche Zahlungsausfälle selbst tragen oder auf Vorkasse bestehen. Beides bringt die Unternehmen in eine schwierige Lage. Zudem zögerten die Banken noch stärker als ohnehin mit der Kreditvergabe, wenn die Lieferanten keine Deckung vorweisen könnten. „Der Staat muss eingreifen, damit dieses Problem gelöst wird“, fordert Kudiß.

Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg lässt derzeit prüfen, ob und wenn ja, wie das geschehen soll. Nach einem Gespräch mit Vertretern von Unternehmen und Verbänden appellierte er an die Kreditversicherer, gemeinsam mit dem Bund nach Lösungen zu suchen.

Je mehr Firmen pleite gehen, desto größer ist die Gefahr für jedes einzelne Unternehmen, in den Sog der Krise zu geraten. Bleibt ein Lieferant wegen der Zahlungsunfähigkeit seines Kunden auf der offenen Rechnung sitzen, kann das schnell zur Gefahr für den Betrieb werden. Denn angesichts der Zurückhaltung der Banken bei der Kreditvergabe ist Liquidität zurzeit besonders wichtig. Mit einer Kreditversicherung kann sich ein Unternehmen dagegen schützen, dass es kein Geld bekommt, weil der Kunde pleite ist. Die größten Anbieter sind die Allianz-Tochter Euler Hermes, Atradius und Coface, auch Zurich und die zum Finanzverbund der Volks- und Raiffeisenbanken gehörende R+V sind auf diesem Markt aktiv. Bevor der Versicherer eine Police ausstellt, prüft er sehr genau, ob und in welcher Höhe er Deckung gibt. In der Regel muss der Lieferant einen Teil des Schadens selbst tragen.

In Spanien hat die Regierung den lokalen Anbietern unter die Arme gegriffen, indem ein staatliches Versicherungskonsortium ihnen mehr Rückversicherungsschutz zur Verfügung stellt. Auch in Frankreich greift der Staat ein. „Wir sind zwar der Auffassung, dass dies in Deutschland nicht nötig ist, einem Wunsch der Politik nach Mitwirkung an einem staatlichen Unterstützungskonzept würden wir uns aber nicht verschließen“, sagt Ulrich Nöthel, Risikodirektor bei Euler Hermes Deutschland.

Die Kreditversicherer weisen den Vorwurf zurück, dass sie die Deckung zu weit einschränken. „Wir federn die Krise ab“, sagt Nöthel. „Unser Vorgehen stärkt die Wirtschaft, da es Dominoeffekte vermeiden hilft.“ Das Deckungsvolumen der Kreditversicherer sei weitaus geringer zurückgegangen als die Produktion, die Rohstoffpreise und das Handelsvolumen, von denen es stark abhängt. Es lag im Inland Ende Oktober 2008 bei 299,26 Mrd. Euro und sank bis Ende Februar um etwa 8 Prozent auf 276,08 Mrd. Euro. Zwar würden die Kreditversicherer natürlich auf die tiefe Krise in Branchen wie Automobil, Maschinenbau oder Stahl reagieren, sagt Nöthel. „Aber wir passen die Verträge mit Augenmaß an.“ Sowohl bei Problembranchen als auch bei Lieferungen in besonders krisengeschüttelte Länder wie Rumänien oder Russland würde jeder Antrag auf Versicherungsschutz individuell geprüft, betont er.

Dass die Kunden im Schadensfall einen höheren Eigenanteil tragen müssen, räumen die Anbieter ein. „Wir müssen auf die Krise reagieren“, sagt Norbert Langenbach, Vorstand des Kreditversicherers Coface. Die Versicherer haben die Höhe ihrer Deckungen heruntergefahren. Wo sie früher 80 Prozent eines Schadens schulterten, sind es heute oft nur noch 60 Prozent oder weniger. „Aber es stimmt nicht, dass sich die Kreditversicherer zurückziehen“, betont auch er. Selbst in der krisengeschüttelten Automobilbranche seien die Versicherer noch an Bord. Deshalb trifft die Anbieter auch die Pleite des Autobauers Karmann. „Wir haben das Unternehmen weiter begleitet, aber mit abschmelzendem Risiko“, erklärt Langenbach. Er wirft den Vertretern der Wirtschaft vor, Einzelfälle zu spektakulär darzustellen. Als Coface aus der Deckung für Opel ausstieg, sei das sehr drastisch in die Öffentlichkeit getragen worden. „Solche Beispiele werden fälschlicherweise verallgemeinert.“

Das sehen die Verbände anders. „Die Lage ist nach wie vor sehr angespannt“, klagt Eckehart Rotter vom Verband der Automobilindustrie. Der Verweis auf die Existenz der Deckungen alleine greife zu kurz. „Es geht für die Unternehmen darum, eine kritische Phase zu überbrücken“, sagt er. Staatliche Eingriffe fordert Rotter nicht. Er appelliert an die gesamtgesellschaftliche Verantwortung der Versicherer. „Man sollte den Regenschirm nicht wegsperren, wenn es regnet.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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