Papier, das seefest macht

Viele Segler unterschreiben keinen Versicherungsvertrag für ihr Boot. Dabei riskieren sie viel

An alles hatten Sie gedacht: Untiefen ausmanövriert, Unwetter umsegelt, die Segel vor dem Sturm verstaut und so den „sicheren Hafen“ erreicht. Im Herbst das Boot in die Lagerhallen untergestellt, dort drohen dann keine Gefahren mehr, glaubt so mancher Schiffseigener und wähnt sich in falscher Sicherheit. Doch das ist ein Trugschluss, mussten vor einigen Wochen 21 Eigner erfahren, deren Boote in einer Halle in Lübeck lagerten. Als das Gebäude abbrannte, blieb von den Booten im Wert von je 60 000 bis 80 000 Euro nur Schutt und Asche übrig. „Da gab es bei einigen Eignern bittere Tränen, weil sie nicht versichert waren“, berichtet Sven Gerhard vom Versicherer Wüba, einem der führenden Anbieter für Wassersportdeckungen.

Aber nicht genug damit, dass die Besitzer für den Verlust nicht entschädigt werden. „In einigen Wochen trifft bei ihnen auch noch die Rechnung über die Entsorgung des kontaminierten Brandschutts ein“, sagt Gerhard. In Deutschland gibt es 420 000 Schiffe, davon 125 000 Segelboote. Erstaunlich viele Eigner sind nicht versichert. Die private Haftpflichtversicherung deckt keine Schäden, die durch den Gebrauch von Booten entstehen.

„Eine spezielle Haftpflichtversicherung sollte wirklich jeder Segler haben“, sagt Jürgen Feyerabend vom Deutschen Segler-Verband. Auch wer sein Boot verliert, ohne einen Dritten direkt zu schädigen, muss mit hohen Kosten rechnen. Die meisten Segelboote sind heute motorisiert. Sinken sie, entsteht ein Umweltschaden. „Öl zum Beispiel muss mit hohem Material-und Personalaufwand abgesaugt werden“, sagt Feyerabend. Der Versicherungsschutz sei angesichts des möglichen Schadens nicht teuer. Für Pauschaldeckungen bis 1 Mio. Euro müssten Segler zwischen 60 und 70 Euro im Jahr zahlen.

Für den in Lübeck entstandenen Schaden kommt allerdings keine Haftpflichtversicherung auf, auch nicht für das Entsorgen der giftigen Brandrückstände. Das übernimmt nur eine Kaskoversicherung. Doch gerade daran sparen viele Bootseigentümer. Wer Zehntausende von Euro in ein Boot investiert, sollte diesen Wert absichern. Außerdem kommt die Kaskoversicherung auch für Bergungskosten auf.

„Die Prämie beträgt etwa ein Prozent des Schiffswertes pro Jahr“, sagt Feyerabend. Er rät Eignern, die ihr Boot aufrüsten, anschließend die Versicherungssumme zu erhöhen. Umgekehrt gilt: Mit zunehmendem Alter kann die Versicherungssumme gesenkt werden. Sinnvoll ist es, die Summe alle drei bis vier Jahre von einem Sachverständigen prüfen zu lassen.

Die größten Anbieter von Wassersportversicherungen sind die nur über Makler arbeitende Wüba, die Gothaer und die Mannheimer. Für die Versicherer ist der Markt schwierig. Das Prämienniveau sinkt seit Jahren. „Gleichzeitig steigen die Schadenquoten kontinuierlich“, berichtet Uwe-Peter Schieder vom Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Genaue Zahlen liegen den Versicherern wegen der langen Schadenabwicklungszeiten allerdings erst fünf bis acht Jahre nach Ende eines Geschäftsjahrs vor.

„Der Markt ist umkämpft, die Prämien sind zu niedrig“, sagt Schieder. Das Geschäft ist defizitär, wissen Branchenkenner – auch wenn kein Versicherer zugeben will, dass er in diesem Bereich rote Zahlen schreibt. Die Lage wird sich nur durch eine Erhöhung der Prämien verbessern, weiß Wilfried Uhlendorff von der Gothaer. „Die führenden deutschen Anbieter sind sich da einig, doch der Markt ist zunehmend international“, sagt er. Viele Kunden entscheiden sich für billigere Policen der holländischen und britischen Konkurrenz.

Die häufigsten Ursachen für Schäden sind Grundberührung, schlechtes Wetter und Feuer. Sprunghaft angestiegen ist der Diebstahl von Wassersportfahrzeugen, Motoren und Zubehör. 2000 gab die Assekuranz nach Angaben des GDV dafür 1,4 Mio. Euro aus, ein Jahr später waren es schon 3,9 Mio. Euro.

Sorgen bereiten den Versicherern auch die Segler selbst. Früher, sagt Wüba-Experte Gerhard, musste sich ein Segler langsam „hocharbeiten“. Erst hatte er ein kleines Boot, dann ein größeres, schließlich ein ganz großes und sammelte auf diese Weise langsam Erfahrungen. „Heute kann sich jeder eine Yacht mit dem Wert eines Einfamilienhauses kaufen und damit lossegeln“, sagt Gerhard. So fehle es in Krisensituationen wie einem Sturm an nautischem Geschick. „Manche überschätzen ihr Können.“ Das gilt besonders für Charterer, die sich in fremde Gewässer wagen – früher eine Ausnahme, heute keine Seltenheit. „Es gibt immer wieder Fälle, bei denen ganze Crews im Sturm die Kontrolle über die Yacht verlieren und zu Panikreaktionen neigen.“ Lässt sich die Mannschaft bergen, bleibt das Boot führungslos zurück.

Um im Schadenfall die Kosten zu drücken, versuchen die Versicherer den Kunden bei einem Unglück direkt vor Ort zu helfen. Dazu unterhalten sie weltweit Kontakte zu Experten, die etwa bei Bergungsangelegenheiten die Formalia mit den Behörden abwickeln können. Als im vergangenen Dezember ein Kunde der Wüba vor den Bahamas mit seinem Segelboot auf Grund lief, ließ der Versicherer für die Abwicklung einen Sachverständigen aus Miami einfliegen. „Der Skipper wäre damit völlig überfordert gewesen“, berichtet Gerhard. Als der Experte eintraf, hatte sich bereits eine örtliche Bergungsfirma an den Skipper gewandt und behauptet, sie sei von den Behörden beauftragt worden. Doch das stimmte ebenso wenig wie die Behauptung, dass Boot müsse sofort geborgen werden. Auch der von der Firma veranschlagte Preis erwies sich als überhöht.

Zitat:

„Erstaunlich viele Eigner sind nicht versichert“ – Sven Gerhard, Wassersportversicherer Wüba

Wer sich nach einem Unglück nicht mit einem Papierboot begnügen will, sollte sich versichern.

Quelle: Financial Times Deutschland


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