Fit statt faul in den Ferien

Sich wohl fühlen und den Körper pflegen – das sind die neuen Urlaubsbedürfnisse. Die Bereitschaft wächst, dafür aus eigener Tasche zu bezahlen

Von Anja Krüger Wohlbefinden ist messbar. Und das Qualitätssiegel des Deutschen Wellness Verbands ist seine Messlatte. Hotels, die sich mit dem begehrten Siegel schmücken wollen, werden auf eine harte Probe gestellt. Getarnte Testurlauber prüfen zwei Tage und zwei Nächte lang anhand von insgesamt 750 Kriterien, ob das Angebot wirklich zum Wohlfühlen und zur Gesundheitspflege einlädt. Die Tester nehmen das Essen ebenso unter die Lupe wie die Qualifikation des Personals. Erst zwölf Hotels tragen das Siegel.

In Deutschland gibt es etwa 1000 Hotels, die mit dem Zusatz „Wellness“ werben. Nicht alle halten, was sie versprechen, sagt Hildegard Dorn-Petersen, Leiterin des Bereichs Hotellerie und Tourismus beim Wellness Verband „Viele sind einfach auf den Megatrend aufgesprungen“, sagt sie. Denn immer mehr Menschen wollen im Urlaub nicht nur zwischen Liegestuhl und Speisesaal pendeln. Der Trend zum Wohlfühlen und zur Gesundheitsförderung nimmt zu, die Wellnessurlaubsbranche boomt.

Nach einer Analyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen hatte das Marktsegment Wellness in der Tourismusbranche 1999 einen Anteil von sechs Prozent, 2002 waren es schon 13 Prozent. Für die Jahre 2004 bis 2006 prognostizieren die Forscher eine weitere Steigerung auf 16 Prozent. Die Branche reagierte: Erstmals richteten die Veranstalter der Internationalen Tourismus Messe in Berlin in diesem Jahr ein „Wellness-Forum“ ein.

Auch das Münchner Institut für Freizeitwirtschaft geht davon aus, dass sich der Trend zur physischen und psychischen Ertüchtigung im Urlaub verstärkt. Laut einer Studie des Instituts steckten im Jahr 2002 die privaten Haushalte in Deutschland 73,4 Mrd. Euro in Reisen, davon gaben sie 2,13 Mrd. Euro für Gesundheitstourismus aus. Die Forscher erwarten, dass im Jahr 2010 die Ausgaben der Bundesbürger für Urlaub auf 87 Mrd. Euro und für Gesundheitstourismus auf 3,65 Mrd. Euro klettern werden. Dann wäre der Anteil der Ausgaben für Gesundheitsreisen an den gesamten Tourismusausgaben von 2,9 Prozent auf 4,2 Prozent gestiegen. Nach den Prognosen der Forscher haben vor allem Anti-Aging-, Beauty- und Entspannungsurlaube das größte Wachstumspotenzial.

Die klassische, von den Kranken- oder Rentenkassen bezahlte Kur ist ein Auslaufmodell, glaubt Wellnessexpertin Dorn-Petersen. Denn die Kassen zahlen immer weniger, die Versicherten müssen immer höhere Beträge zuzahlen. Für viele sind die Kurheime öffentlich-rechtlicher Träger wenig attraktiv. Gleichzeitig steigt aber die Bereitschaft der Bürger, etwas für die Gesundheit zu tun und auch dafür zu bezahlen. „Die Menschen suchen Alternativen zur klassischen Kur bei privaten Anbietern“, sagt Dorn-Petersen.

Die 330 Heilbäder und Kurorte in der Bundesrepublik versuchen seit Jahren, auf den Wellnesszug aufzuspringen. Der klassische Kurbetrieb mit immerhin 400 000 Arbeitsplätzen muss sich neu positionieren, er steht vor einem dramatischen Strukturwandel. Die Kürzungen im Gesundheitsbereich haben ihm stark zugesetzt. Außerdem fürchten die Bäder die Konkurrenz aus dem Ausland, vor allem aus dem Osten. Sie wollen den Imagewandel vom altmodischen Gesundbrunnen für Oma und Opa zum modernen Dienstleistungsanbieter auch mit Wellnessangeboten schaffen. Dabei versuchen sie mit ihren anerkannt hohen Qualitätsstandards zu punkten. Damit die Kundschaft das auch erkennt, hat der Deutsche Heilbäderverband im März ein neues Gütesiegel „Wellness im Kurort“ vorgestellt. Es verspricht „Erholung und Entspannung auf höchstem Niveau“.

Das Gütesiegel als Marketing-Instrument haben auch schon andere entdeckt. Mecklenburg-Vorpommern hat als erstes Bundesland ein Siegel eingeführt, das es gemeinsam mit Verbänden verleiht. Das Land will sich mit diesem Aushängeschild als Spitzenregion im Gesundheitstourismus etablieren. „Unsere Absicht ist es, mit dem Qualitätssiegel eine Vorreiterrolle in Deutschland zu übernehmen“, sagt Landeswirtschaftsminister Otto Ebnet. Zum Saisonstart im Herbst will das Land geprüfte Angebote in einem Katalog und im Internet vorstellen.

Bild(er):

Im Urlaub bemühen sich die Menschen zunehmend, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu stärken – hier mit Sport am ägyptischen Strand – Laif/Clemens Emmler

Quelle: Financial Times Deutschland


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