Versicherer streben Großfusionen an

Aviva bietet für britische Prudential · St. Paul offenbar an Zurich Financial Services interessiert

VON Andrea Felstedt, London,und Herbert Fromme, Köln Die globale Versicherungswirtschaft steht vor zwei möglichen Megafusionen, die zu neuen Kräfteverhältnissen in Europa und den USA führen würden. In Großbritannien will Aviva die Prudential-Gruppe übernehmen. Der US-Versicherer St. Paul Travelers zeigt nach einem Bericht des „Wall Street Journal“ Interesse an Zurich Financial Services.

Die Versicherungswirtschaft hat nach der schweren Krise infolge des Börsencrashs und ihrer Niedrigpreispolitik wieder Tritt gefasst. Zurzeit verdienen die Unternehmen hervorragend. Durch Übernahmen versuchen Konzerne mit entsprechender Finanzkraft, ihre eigene Gewinnbasis zu vergrößern. Außerdem hoffen sie auf Synergieeffekte in der Verwaltung und im Vertrieb.

Die Führung des Aviva-Konzerns kam gestern zusammen, um die weiteren Schritte bei der geplanten Übernahme des zweitgrößten britischen Lebensversicherers Prudential zu beraten. Aviva-Chef Richard Harvey halte sich alle Optionen offen, hieß es in Unternehmenskreisen. Damit ist auch ein feindlicher Übernahmeversuch möglich. Heute will Aviva den Prudential-Aktionären in einer Erklärung erläutern, warum die Übernahme sinnvoll sei.

Aviva hatte am Donnerstagabend der Prudential-Führung angeboten, das Unternehmen für 16,8 Mrd. £ in Aviva-Aktien zu übernehmen. Damit entstünde ein Versicherungsschwergewicht mit einer Börsenkapitalisierung von 52,7 Mrd. Euro. Es wäre auf Augenhöhe mit den beiden europäischen Marktführern Axa und Allianz, deren Kapitalisierung am Freitag bei rund 55 Mrd. Euro Eurolag. Die italienische Generali-Gruppe wäre mit ihren 40,9 Mrd. Euro nur noch Vierter in Europa.

Die von Aviva gebotenen 700 Pence pro Aktie entsprächen einer Prämie von zehn Prozent. Prudentials Führung lehnte ab. Die Börse begrüßte das Angebot jedoch, die Kurse beider Unternehmen stiegen. Für Prudential hat sich auch die französische Axa interessiert, nachdem ihre wiederholten Avancen in Richtung des italienischen Marktführers Generali ohne Ergebnis blieben.

Britische Marktbeobachter halten es für möglich, dass Axa nach dem Aviva-Angebot ein eigenes Übernahmekonzept prüft. Auch der US-Gesellschaft AIG wird Interesse nachgesagt, ebenso dem amerikanischen Namensvetter Prudential Financial.

Auch der zweite Deal, das Zusammengehen des US-Versicherers St. Paul Travelers mit der Zurich-Gruppe, würde neue Verhältnisse schaffen. Im Privatkundengeschäft sind beide Schwergewichte in den USA, dem weltgrößten Versicherungsmarkt. Außerdem würde St. Paul Travelers von der Stellung der Zurich als einem der US-Marktführer bei Gewerbeversicherungen profitieren. Dazu käme für St. Paul der Zugang zu den europäischen Märkten, in denen das Unternehmen bisher nicht vertreten ist.

Die beiden Unternehmen wollten den Bericht des „Wall Street Journals“ nicht kommentieren. In Zurich-Unternehmenskreisen gab es widersprüchliche Auskünfte. Jeder rede mit jedem in der Branche, deshalb auch Zurich und St. Paul, hieß es einerseits. Andererseits wiesen Manager darauf hin, dass Zurich unter den strengen Schweizer Börsenregeln am Freitag eine Mitteilung hätte machen müssen, wenn es Verhandlungen gäbe.

Die beiden deutschen Versicherungskonzerne Allianz und Münchener Rück haben in der vergangenen Woche Großübernahmen eine Absage erteilt. Sie setzen auf den weiteren Ausbau der Gewinne in den bestehenden Strukturen. Zuletzt hatte die Talanx-Gruppe den Kölner Industrieversicherer Gerling gekauft.

www.FTD.de/Versicherer

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Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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