Wer soll das bezahlen?

Nuklearangriffe auf New York, eine globale Vogelgrippe-Seuche: Versicherer fürchten sich vor solchen Risiken und lassen sich deshalb von Katastrophenmodellierern auch die Kosten unwahrscheinlicher Ereignisse berechnen

Von Herbert Fromme, New York Das Szenario ist gespenstisch. Terroristen zünden eine kleine Atombombe. Mitten in Manhattan, der Weltmetropole der Finanzwirtschaft. Chaos bricht aus, es gibt zahlreiche Tote und Verletzte, die Stadt muss teilweise evakuiert werden, Börsen in aller Welt crashen. Ein absoluter Albtraum.

Hemant Shah denkt sich fast täglich solche Horrorvisionen aus – es ist sein Job. Der Mann ist Chef der US-Firma Risk Management Solutions (RMS) aus Newark in Kalifornien. Ein solcher Terrorangriff, hat er mit seinen Kollegen errechnet, würde die globale Versicherungswirtschaft „600 bis 800 Mrd. $“ kosten. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Anschlags hält Shah allerdings für sehr gering. Mehr Sorgen macht ihm eine andere Vorstellung: „Ein Angriff mit konventionellem Sprengstoff, aber gegen vier, fünf oder sechs Städte gleichzeitig, jeweils mit kleinen Lastwagen, Zwei- oder Fünftonnern.“

Jahrhundertelang lebte die Assekuranz vor allem von Erfahrungswerten: Wie oft kam es in der Vergangenheit zu einem Sturm der Stärke sieben, wie hoch sind die versicherten Werte? So ließ sich bequem eine Versicherungsprämie ausrechnen. „Doch dann kam Hurrikan ,Andrew'“, sagt Shah. Der Sturm kostete die Branche 15 Mrd. $ „und schockierte die Versicherer in ihren Grundfesten“, denn ein solcher Megaschaden war in der Kalkulation einfach nicht vorgesehen.

Leute wie Hemant Shah sollen dafür sorgen, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Die 1000 Katastrophenmodellierer, die er beschäftigt, berechnen die Kosten von Ereignissen, an die andere nicht einmal zu denken wagen. Eine Atombombe in New York, ein Erdbeben in San Francisco, eine weltweite Vogelgrippe-Pandemie. Auch das Undenkbare soll zu versichern sein.

Drei Firmen haben es auf diesem Gebiet schon zu weltweiter Berühmtheit geschafft, neben RMS sind das Applied Insurance Research (AIR) in Boston und Eqecat in Oakland. Sie beschäftigen Politologen, Sozialwissenschaftler, Meteorologen, Klimaforscher, Bauingenieure, Statistiker, Mediziner und andere Wissenschaftler.

Ihre Kunden sind alle Arten von Versicherungsunternehmen – Rückversicherer, Gebäudeversicherer, Versicherungsmakler. Billig sind die Dienste der Zukunftsforscher nicht. Wer Standardanalysen braucht, muss auf jeden Fall 100 000 $ ausgeben. Wenn American International, Allianz, Münchener Rück oder Zurich Financial Daten und Modelle für ihr globales Geschäft einkaufen, zahlen sie mehr als 5 Mio. $ pro Jahr.

Verzichten wollen die Versicherer darauf nicht mehr. Schließlich müssen sie einschätzen können, welche Risiken sie eigentlich versichern. Bei einem Erdbeben wie 1906 in San Francisco müsste die Branche heute mit Schäden zwischen 75 Mrd. $ und 95 Mrd. $ rechnen. Zurzeit evaluieren die RMS-Experten die Auswirkungen einer globalen Vogelgrippe-Pandemie auf die Versicherer und versuchen, langfristige Belastungen durch Haftpflichtschäden – zum Beispiel für Pharmarisiken – zu kalkulieren.

Doch auch Anleger, Analysten der Rating-Agenturen und die staatlichen Versicherungsaufseher interessieren sich schon länger für die Risiken, die ein Unternehmen in den Büchern hat. Über mangelnde Aufträge können sich die Katastrophenmodellierer nicht beklagen. Sie berechnen, welches Risiko ein Versicherer übernimmt, wenn er beispielsweise ein Hotel in Miami versichert, auch wenn dort noch nie ein Hotel stand. Gebäudewerte, Klimaanalysen, Schadenerfahrungen, eine Unmenge von Daten gehen in die Kalkulation ein. Heraus kommt das übernommene Risiko, eine Zahl, die so belastbar sein muss, dass die gesamte Versicherungswirtschaft ihre Kalkulationen darauf aufbaut.

Als Hemant Shah die Firma RMS 1988 gründete, war er Student für Erdbebentechnologie und technische Risikoerfassung an der Stanford University. „Wir lernten, wie man Gebäude erdbebensicher machen kann, welche Annahmen dafür nötig sind“, sagt Shah. „Wir wollten ausprobieren, ob diese Techniken auch darauf angewendet werden können, wie man wirtschaftliche Schäden misst.“

Das Experiment gelang. Doch der Ruf steht auf wackligen Beinen. Im vergangenen Jahr wurden gleich alle drei Konkurrenten durch die Wirklichkeit widerlegt. Beim Wirbelsturm „Katrina“ lagen alle Modellierer völlig falsch. RMS schätzte den Schaden irgendwo zwischen 10 Mrd. $ und 25 Mrd. $, der Wettbewerber Eqecat auf 12 Mrd. $ bis 25 Mrd. $. Heute wissen die Versicherer, dass es 45 Mrd. $ waren.

Das blieb auch für die Kunden nicht ohne Folgen. Die Münchener Rück glaubte kurz nach „Katrina“ noch, nur mit 400 Mio. Euro belastet zu werden, und veröffentlichte die Zahl prompt, um die Aktionäre zu beruhigen. Tatsächlich kostete der Sturm den Rückversicherer über 1,6 Mrd. Euro.

Heftige Kritik innerhalb und außerhalb der Versicherungswirtschaft war die Folge. „In vielerlei Hinsicht ist diese Kritik gerechtfertigt“, sagte Shah. RMS habe die Schwere des Schadens nicht richtig vorhergesehen. „Unsere Standardmodelle enthielten nicht die Überflutung der Stadt New Orleans.“ Jetzt passe man die Modelle an. Kunden verloren habe das Unternehmen nicht. „Im Gegenteil, wir haben Kunden gewonnen.“

Die Kritik verstummt trotzdem nicht. Weston Hicks, Chef der Finanzholding Alleghany Corporation mit mehreren Versicherungstöchtern, hält die neuesten Zahlen für mögliche Terrorschäden für „aus der Luft gegriffen“. Andere glauben, dass die Schätzungen einen reinen Placeboeffekt haben – sie sollen Aktionäre, Rating-Agenturen und Versicherungsaufsicht beruhigen, haben aber wenig damit zu tun, mit welchen Risiken die Versicherungswirtschaft tatsächlich rechnen muss.

Der Druck auf die Katastrophenmodellierer ist groß, schließlich haben ihre Berechnungen unmittelbar materielle Auswirkungen auf die Versicherungswirtschaft. „Wenn die Modelle zu höheren Risiken kommen, brauchen die Versicherer mehr Kapital“, sagte RMS-Manager Paul VanderMarck nüchtern. Und erzielen weniger Gewinn.

Hemant Shah weiß, dass vor allem die Terrormodelle für viel Diskussion sorgen. „Natürlich gibt es bei einigen Gefahrenkategorien mehr grobe Schätzungen als bei anderen“, sagt er. „Ein Modell zeigt den Stand des Wissens auf, den wir über ein Risiko haben.“ Seine Firma gehe systematisch an das Problem heran. Erst wird ausgerechnet, welche Schäden verschiedene Arten von Angriffen verursachen können. Im nächsten Schritt stellte RMS eine Rangfolge möglicher Ziele auf. Gemeinsam mit Experten, die sich jahrzehntelang mit al-Kaida und verwandten Gruppen beschäftigt haben, erarbeitete RMS beispielsweise eine Liste plausibler Ziele.

„Das sind immer noch Tausende“, sagt Shah, deshalb „fragen wir uns: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Ziel und nicht jenes angegriffen wird?“ So entsteht eine Prioritätenliste. Dazu kommt eine Analyse der einzelnen Terrorbewegungen, ihrer Ressourcen und Infrastrukturprobleme. „Aus all diesen Daten bauen wir ein Modell mit Wahrscheinlichkeiten für kleinere Angriffe oder größere Attacken.“ Diese Modelle bilden für Versicherer die Basis, auf denen sie auch Terrorrisiken versichern können.

Die positive Wirkung der Risikomodelle, sehe man an der Reaktion auf Großereignisse. „Nach ,Katrina‘ gab es viel weniger Probleme für Versicherer als nach ,Andrew‘, obwohl der Schaden sehr viel höher war.“

Schon wollen Shah und seine Konkurrenten ihr Geschäftsfeld auf Europa ausdehnen. Denn europäische Erstversicherer verlassen sich bisher vor allem auf Statistiken über vergangene Schadenerfahrungen, die sich zunehmend als unzureichend erweisen. Diese Marktlücke will Shah nutzen: „Ein wichtiges Arbeitsfeld für uns werden die Überflutungen in Europa sein.“

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Fantasie oder Wirklichkeit? Wenn Monster wie Godzilla jemals eine Metropole angreifen, will die Versicherungsbranche gut vorbereitet sein

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Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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