AIG expandiert in Europa

US-Versicherer zielt auf kleine und mittlere Unternehmen · FTD-Interview mit Konzernchef Sullivan

Von Herbert Fromme und Heike Buchter, New York Der nach Börsenwert weltgrößte Versicherer American International Group (AIG) ändert seine Strategie in Kontinentaleuropa und steigt in die Versicherung von kleinen und mittleren Unternehmen ein. Das sagte AIG-Chef Martin Sullivan im FTD-Interview. Sullivan verkündete zudem, dass AIG auch im Bereich Konsumentenkredite stark wachsen will und Übernahmen in beiden Feldern nicht ausschließt.

„Wir untersuchen den Einstieg in die Versicherung kleinerer Unternehmen auf dem Kontinent“, sagte Sullivan. Dabei geht es um Kunden mit weniger als 25 Mio. Euro Umsatz. „Hier spielen wir bisher kaum eine Rolle.“ Mit dem Eintritt in den hart umkämpften Markt für kleine und mittlere Unternehmen, der in der Assekuranz europaweit auf knapp 14 Mrd. Euro Prämienvolumen geschätzt wird, verschärft der US-Marktführer die Gangart gegenüber den europäischen Platzhirschen Allianz, Axa, Generali und Zurich. Starten will AIG schon 2007 in Frankreich und Italien, für Deutschland gibt es noch kein Datum. Bisher hatte sich das Unternehmen auf die Versicherung von Großrisiken konzentriert.

AIG verfügt über eine Marktkapitalisierung von 169 Mrd. $ und ist damit deutlich größer als beispielsweise die Allianz (umgerechnet 70 Mrd. $). Zwar kann der deutsche Rivale beim Umsatz die Führung beanspruchen, er kam 2005 auf Nettoprämieneinnahmen von 71,8 Mrd. $, AIG nur auf 41,9 Mrd. Aber beimEuro Konzerngewinn stachen die Amerikaner die Deutschen klar aus, sie verdienten nach Steuern 10,5 Mrd. $, die Allianz 5,4 Mrd. $. Die kostengünstig arbeitende AIG gilt deshalb für Allianz-Chef Michael Diekmann als Vorbild beim Konzernumbau.

„Wir brauchen intelligente hoch technisierte Lösungen, um in diesem Bereich Geld zu verdienen“, sagte Sullivan zum Plan, kleinere Unternehmen zu versichern. „Wir machen das mit einer hochautomatisierten Verwaltung, vereinfachter Risikobeurteilung, elektronischer Policenausstellung und Ähnlichem“, sagte Sullivan. Vorbild sei die US-Einheit AIG Small Business. Sie hat der Konzern erst 2002 gegründet, 2005 erzielte sie schon 634 Mio. $ Prämie.

AIG hat eine turbulente Phase hinter sich, nachdem der New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer wegen illegaler Transaktionen mit dem Rückversicherer Gen Re ermittelte. Konzernchef Maurice Greenberg musste 2005 gehen und wurde durch Vorstandsmitglied Sullivan ersetzt.

Er will die Wachstumsstrategie seines Vorgängers fortsetzen und schließt dabei Zukäufe nicht aus. „Wir sind sehr ungeduldig“, sagte Sullivan. „Wir haben zahlreiche Wachstumsmöglichkeiten mit unseren bestehenden Einheiten. Wenn es Zukaufsmöglichkeiten gibt, die Sinn machen, dann machen wir das auch.“ Das gelte auch für den Bereich Konsumentenkredite, in dem AIG in den USA mit American General Finance erfolgreich arbeitet.

Marktgerüchte, nach denen AIG noch unter Greenberg die Übernahme von Zurich Financial Services und des britischen Versicherers Aviva geprüft habe, wollte Sullivan nicht kommentieren.

Zitat:

„Wir brauchen intelligente, hoch technisierte Lösungen“ – AIG-Chef Sullivan –

Bild(er):

Neue Strategie in der Alten Welt: AIG-Chef Martin Sullivan peilt in Europa eine neue Zielgruppe an – Unternehmenskunden mit weniger als 25 Mio. Euro Umsatz

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Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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