Skepsis gegenüber Terrorpolicen

Zwar hat sich der Terrorversicherer Extremus im Markt etabliert, doch gerade die großen Unternehmen stehen dem deutschen Spezialangebot nach wie vor zurückhaltend gegenüber

VON Ilse Schlingensiepen Die Vorbereitungen auf die Fußball-WM haben die Gefahr eines Terroranschlags in Deutschland wieder ins Blickfeld rücken lassen. „Bei etlichen Spezialrisiken spüren wir aus Anlass der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft ein verstärktes Interesse am Abschluss einer Terrorversicherung“, berichtet Bruno Gas, Vorstandsvorsitzender des Spezialversicherers Extremus. Fünf deutsche WM-Stadien haben sich bei der Kölner Gesellschaft versichert.

Extremus wurde im Jahr 2002 als Folge der Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA von 16 deutschen Versicherern gegründet. Der Versicherer deckt Schäden ab 25 Mio.Euro – vorher greifen Feuerpolicen. Das Haftungsvolumen liegt bei 10 Mrd.Euro. Bei Schäden über 2 Mrd.Euro tritt die Bundesregierung über eine Staatshaftung ein. Sie ist bis Ende 2007 befristet und muss dann wieder neu verhandelt werden.

Das Risikobewusstsein sei durch die Terroranschläge von Madrid und London sowie die Situation im Irak geschärft worden, sagt Gas. „Die Terrorversicherung ist bei einem bedeutenden Kundenkreis zum Basisversicherungsschutz geworden.“ Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich die Deckung viel schlechter verkauft als von den Initiatoren ursprünglich angenommen. Vom Umsatzziel von mehr als 300 Mio.Euro hat sich Extremus längst verabschiedet. 2005 kam der Versicherer auf 60,2 Mio. Euro Netto-Prämieneinnahmen, nach 77,5 Mio.Euro im Vorjahr. Grund für den Rückgang sind höhere Selbstbehalte der Unternehmen und Preissenkungen: Extremus reagierte mit niedrigeren Prämien auf ausländische Konkurrenz. Die Zahl der abgeschlossenen Verträge stieg im vergangenen Jahr von 1070 auf 1109, die Versicherungssumme blieb mit 402 Mrd.Euro nahezu stabil. Der größte Teil der Kunden stammt aus der Immobilienbranche mit 561 Verträgen. Die höchsten Prämieneinnahmen erzielt Extremus in der Industrie. Allerdings haben weniger als die Hälfte der Dax-Unternehmen eine Terrordeckung bei dem deutschen Spezialisten gekauft.

„Das Extremus-Angebot ist unbefriedigend“, kritisiert der Versicherungsexperte eines Dax-Unternehmens. Er bemängelt, dass Extremus nur terrorbedingte Sachschäden abdeckt. Wenn ein Anschlag das Topmanagement eines Konzerns auslösche, könne auch das gravierende Konsequenzen haben. Es sei zwar nachvollziehbar, dass eine Versicherung unter Beteiligung des deutschen Staates sich nur auf Schäden in Deutschland erstrecke, sagt der Manager. Das werde aber international agierenden Unternehmen nicht gerecht. „Lokale Lösungen sind untauglich, weil der Terrorismus global ist.“ Deshalb würden viele Großunternehmen eine Deckung auf den internationalen Märkten kaufen. „Dort bekommt man zwar nicht die Versicherungssummen wie bei Extremus, aber Bedingungen, die man weltweit einsetzen kann.“

Auf die Kritik an der nationalen Ausrichtung hat das Unternehmen reagiert. „Seit Ende letzten Jahres bieten wir unseren Kunden die Möglichkeit an, für ihre innerhalb der Europäischen Union belegenen Risiken Deckungsschutz zu vermitteln“, sagt Vorstand Dirk Harbrücker. Das Angebot stoße bereits auf Interesse.

Zu den Kunden von Extremus gehören auch Flughäfen, unter ihnen der Flughafen Köln/Bonn. Man habe damit auf das gestiegene Terrorrisiko reagieren wollen, sagt Sprecher Walter Römer. „Insbesondere der Luftverkehr ist immer wieder Gegenstand von Terroranschlägen.“

Bild(er):

Anschlag auf das britische Konsulat und die HSBC-Bank in Istanbul am 20. November 2003: Mit speziellen Versicherungspolicen können Unternehmen sich gegen einen Teil der finanziellen Folgen von Terrorangriffen absichern – Corbis/Lynsey Addario

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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