Hart, aber freundlich

Herbert Haas, neuer Talanx-Chef, steht vor einer schwierigen Integrationsaufgabe

Eigentlich wollte er Wirtschaftsprüfer werden. Jetzt ist Herbert Haas Versicherungschef. Ab Mitte Juli führt er den Talanx-Konzern, der sich nach der Übernahme von Gerling als drittgrößter Versicherer des Landes sieht. Einfach wird der Job nicht.

Haas folgt auf Wolf-Dieter Baumgartl, der mit der Hauptversammlung am 12. Juli in den Aufsichtsrat wechselt und dort den Vorsitz übernimmt. Baumgartl mangelt es nicht an Selbstbewusstsein. Seine Präsenz wird der Nachfolger spüren. Baumgartl hat die Übernahme des Gerling-Konzerns durch Talanx eingefädelt. Die komplizierte Integrationsarbeit wird jetzt Haas erledigen müssen.

Haas ist Finanzmann, kein gelernter Versicherer. Für die Börsenpläne von Talanx ist sein guter Draht zu Analysten und Rating-Agenturen nützlich. Aber reicht es auch für die operative Führung eines Versicherungskonzerns, vor allem in der Integrationsphase mit Gerling? „Ganz sicher“, meint ein langjähriger Kollege. „Wenn die Experten manchmal lange über irgendwelche versicherungstechnischen Probleme diskutieren, kann Haas durch eine einzige Frage die Sache auf den Punkt bringen.“

Haas tritt bescheiden auf. Mitarbeiter mögen seine ruhige und freundliche Art, warnen aber davor, die Bereitschaft zu harten Entscheidungen zu unterschätzen. Er hält sich durch Laufen fit und gibt ansonsten „meinen Beruf“ als wichtigstes Hobby an.

Nach dem Bayern Baumgartl wird der Hannoveraner Konzern jetzt von einem Schwaben geführt. Haas gibt sich keine besondere Mühe, den Dialekt zu verstecken. Der 51-Jährige ist in Bad Urach bei Stuttgart aufgewachsen. Betriebswirtschaft studierte er in Berlin. Die erste Stelle trat Haas nach Abschluss des Studiums 1980 beim damaligen Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen (BAV) an, heute Teil der Finanzaufsicht BaFin. Als Referent steht Haas bald in engem Kontakt mit den Managern der Branche. „Ich fand das spannender als die Aussicht, künftig die Konten K bis Z prüfen zu müssen“, erinnert sich Haas. 1982 holt ihn die Hannover Rück als Vorstandsassistent für die Tochtergesellschaft E+S Rück.

Eine Station in der Beteiligungsverwaltung folgt, fünf Jahre als Sanierer in den USA, danach wird er Abteilungsdirektor. 1994 wird Haas Finanzvorstand der Hannover Rück. In der zweiten Hälfte der 90er Jahre hält er dem Unternehmenschef Wilhelm Zeller bei seinem atemberaubenden Expansionskurs den Rücken frei und die Bilanz sauber. Auch Talanx-Konzernchef Baumgartl erkennt das Talent, 2002 wechselt Haas zur Obergesellschaft. Schon damals war klar, dass Baumgartl ihn als möglichen Nachfolger sah. Ob Haas sich durchsetzt, wird zum großen Teil davon abhängen, wie schnell er sich von seinem Förderer abnabelt. Auch das ist eine komplizierte Aufgabe. HERBERT FROMME

weiterer bericht 20

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit