Branche streitet über Strategie

Die Gesundheitsreformer lassen die private Vollversicherung bislang weitgehend unangetastet. Aber nicht alle Versicherungsmanager glauben, dass sie der richtige Weg ist

Von Herbert Fromme, Köln Die Drohung von SPD und CDU, der privaten Krankenvollversicherung mit der Gesundheitsreform den Garaus zu machen, ließ AMB-Generali-Chef Walter Thießen erstaunlich kalt. Die private Krankenversicherung (PKV) bleibe trotzdem ein Wachstumsmarkt. „Wenn wir unser Geschäft nicht mehr mit Vollversicherung machen können, machen wir es halt mit Zusatzversicherungen“, sagte Thießen Anfang März.

Damit erntete er heftigen Protest in der Branche. Thießen war der erste Manager eines großen Konzerns, der öffentlich an einem Tabu gerüttelt hatte. Andere denken zwar ähnlich – sprechen darüber aber nur im kleinen Kreis.

In der Vollversicherung schließt der Versicherer einen Vertrag mit dem Kunden, nach dem er ihm bis zum Tod die Gesundheitskosten erstattet. „Das Modell hat ein grundlegendes Problem, die medizinische Inflation“, sagt ein Schweizer Manager eines internationalen Konzerns. „Wenn durch neue Entwicklungen die Kosten dramatisch in die Höhe gehen, kann ein Versicherer das nicht mehr tragen und gleichzeitig den Vertrag nicht kündigen.“

Die Befürworter des Modells bestreiten das. Zwar könne ein Versicherer keinen Kunden rauswerfen. Aber er habe das gesetzlich garantierte Recht, bei einem Zuwachs der Kosten die Prämien zu erhöhen. Das Risiko der medizinischen Inflation tragen also die Kunden. Die Frage ist aber, ob die Branche für 8,5 Millionen Versicherte drastische Anhebungen politisch durchsetzen könnte.

„Krankenversicherung ist keine normale Versicherung“, sagt Denis Kessler, Chef der französischen Rückversicherung Scor, die keine Krankenversicherer mehr in Rückdeckung nimmt. „Die Versicherer erstatten normalerweise einfach Kosten. Sie spielen nur eine begrenzte Rolle im Gesundheitsmanagement der Kunden und können nicht dafür sorgen, dass alles für die Erhaltung der Gesundheit getan wird. “ Das Problem ist den Privaten bekannt. Sie versuchen es verschämt zu lösen. So änderte unter anderem die Axa Kranken Anfang 2004 ihre Bedingungen auch für laufende Verträge. Jetzt verspricht die Axa nur noch die Erstattung von „angemessenen“ Leistungen, die dann definiert werden. Vorher hatte die Axa den viel breiteren Begriff der „medizinisch notwendigen Heilbehandlung“ verwendet. Die Sache ist nach Klagen von Verbraucherschützern vor dem Bundesgerichtshof gelandet.

Kein Wunder, dass so mancher Manager eines großen Konzerns sich auch für Deutschland Verhältnisse vorstellen kann, wie sie in anderen Ländern herrschen: Der Staat sorgt für die Grunddeckung und die schweren medizinischen Probleme – möglicherweise in der Form, dass er private Anbieter mit der Bereitstellung beauftragt. Die private Versicherungswirtschaft liefert Zusatzdeckungen, die vom Einbettzimmer bis zur kosmetischen Operation alles Mögliche abdecken – aber ein überschaubares Risiko enthalten und gekündigt werden können. Auch die Querschüsse der Allianz gegen die Branchenmehrheit wenige Tage vor den Koalitionsgesprächen über die Gesundheitsreform müssen auf das Konto der Unzufriedenheit mit dem Modell gebucht werden. Das Unternehmen hatte unter anderem ein Sonderopfer der PKV angeboten. „Der Allianz-Vorschlag wäre im Grunde die Beendigung des bisherigen Geschäftsmodells“, sagt Volker Leienbach, Direktor des PKV-Verbands. Gerade mittelgroße Gruppen, die vor allem private Krankenversicherung anbieten, halten am gegenwärtigen System fest. „Der Verzicht auf die Vollversicherung ist ein Irrweg“ , sagt Uwe Laue, Chef des Marktführers Debeka. „Wir können von der Zusatzversicherung allein nicht leben.“

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Rundumversorgung : Einige private Krankenversicherer warnen vor den Risiken immer weiter steigender Kosten – Cinetext

FTD-Reihe PKV Bisher ging es um die Besonderheiten der Branche, die Konkurrenz mit den Krankenkassen, den für Kunden schwierigen Wechsel innerhalb der PKV und das Verhältnis zu Ärzten und Kliniken. Alle Folgen sind im Internet zu finden: www.FTD.de/PKV

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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