Versicherer kennenkaum noch Grenzen

Die Anbieter machen keinen Bogen mehr um politische Risiken. Sie schützen Exporteure jetzt auch vor Verlusten durch Krieg oder Embargos dsfgsd fs

VON Patrick Hagen Will ein Maschinenbauer Motorenteile nach Russland liefern, hat er in der Regel eine Kreditversicherung abgeschlossen. Sie springt ein, falls der Kunde die Rechnung nicht begleicht. Früher übernahm sie keine Schäden, die auf eine politische Entscheidung der Regierung zurückzuführen waren. Wollten Kunden auch das politische Risiko absichern, mussten sie die staatlichen Hermes-Deckungen in Anspruch nehmen. Inzwischen gehen private Kreditversicherer immer mehr dazu über, auch Forderungsausfälle auf Grund politischer Einwirkungen abzudecken.

„Es gibt den klaren Trend, dass Versicherer zunehmend politische Risiken abdecken“, sagt Joël Paillot von Coface Deutschland. In Großbritannien oder den Niederlanden ist die private Deckung politischer Risiken schon lange üblich. „Die deutschen Kreditversicherer mussten erst lernen, was politische Risiken sind und dass sie versicherbar sind“, sagt Klaus-Rüdiger Horn vom Makler Aon Credit International.

Wenn ein Krieg ausbricht oder ein Embargo gegen ein Land verhängt wird, drohen Exporteuren hohe Verluste. Aber auch Transferbeschränkungen oder der Widerruf der Importlizenz durch eine Regierung können Unternehmen viel Geld kosten. Die meisten großen Kreditversicherer bieten ihren Kunden inzwischen an, solche Risiken gegen eine entsprechend höhere Prämie abzudecken. In der Regel ist die politische Deckung freiwillig. „Unsere Aufgabe ist, den Kunden Empfehlungen zu geben“, sagt Paillot. In Ausnahmefällen bestehen Versicherer aber auf einer zusätzlichen Deckung. Coface bietet seinen Kunden auch die getrennte Deckung politischer Risiken an. Dies ist vor allem für Unternehmen interessant, die Tochterfirmen in politisch instabilen Ländern beliefern wollen. Denn in diesem Fall besteht kein wirtschaftliches Risiko.

Voraussetzung für die Übernahme des Risikos ist, dass der Versicherer den Kunden als zahlungskräftig einstuft. Aber kreditwürdige Firmen können auch in Risikogebieten sitzen. „Eine Krise in einem Land heißt noch nicht, dass dort kein Geschäft möglich ist“, sagt Paillot.

Die Beschaffung und Einordnung von Informationen ist die Kernkompetenz der Kreditversicherer. Sie haben eigene Fachabteilungen, die Informationen über Unternehmen und Branchen weltweit sammeln und auswerten. Analysten beobachten die wirtschaftliche und politische Lage in verschiedenen Ländern. Mit diesen Informationen erstellen die Versicherer Ratings und stufen die Staaten nach der Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls in verschiedenen Risikoklassen ein. Die Versicherer interessieren sich für die Kontinuität der Wirtschaftspolitik, bewerten die Gefahr von Kriegen und inneren Unruhen und prüfen, wie effektiv Entscheidungen getroffen und umgesetzt werden. Auch das Investitionsklima und die Stabilität des Bankensystems fließen in das Rating ein. Von der Einstufung des Landes hängt auch die Höhe der Prämie für die politische Deckung ab.

Dem geringsten Risiko sind Exporteure ausgesetzt, die in westliche Länder liefern. Am schlechtesten schneidet Schwarzafrika ab, nur wenig besser sind Lateinamerika und der Nahe und Mittlere Osten. „Im Prinzip tragen alle Exporte außerhalb der OECD-Staaten ein gewisses politisches Risiko“, sagt Versicherungsmakler Horn. Die Versicherer reagieren zwar schnell auf politische Ereignisse, sehen aber manche Krise gelassener als die Weltöffentlichkeit. Trotz der Kriegs im Libanon hat Coface das Land noch nicht in die höchste Risikokategorie abgestuft. Auch für Israel hat der Versicherer kein höheres Risiko festgestellt. „Wir betrachten die Lage als temporäre Krise“, sagt Paillot.

Für bestimmte Länder wie den Irak schließen die Versicherer die Deckung des politischen Risikos fast komplett aus. Hier bleiben den Firmen nur die staatlichen Hermes-Bürgschaften. Diese heißen so, weil der Versicherer Euler Hermes sie gegen Gebühr für den Bund abwickelt. Der trägt das volle Risiko. Ein Ausschuss aus Vertretern der Ministerien für Wirtschaft, Finanzen, Entwicklungspolitik und des Auswärtigen Amtes entscheidet über die Deckungspolitik für die Empfängerländer und über Anträge von Unternehmen und Banken. „Die Bonität des Empfängers prüfen wir“, sagt René Andrich von Euler Hermes.

Mit den Deckungen fördert der Bund die deutsche Exportwirtschaft. Sie werden nach dem Subsidiaritätsprinzip vergeben. Es dürfen also keine privatwirtschaftlichen Alternativen bestehen. „Die privaten Kreditversicherer haben dem Bund einen Teil des Geschäfts abgenommen“, sagt Versicherungsmakler Horn. Beim Investitionsgüterexport würden aber weiterhin Hermes-Deckungen in Anspruch genommen. Für Spezialdeckungen über große Volumen müssen sich die Unternehmen häufig im Ausland umsehen. Einige Firmen versichern sich auf dem Londoner Markt gegen Enteignung und Verstaatlichung.

Zitat:

“ „Versicherer decken zunehmend politische Risiken“ “ – Joël Paillot, Coface –

Bild(er):

Sieht das Bargeld erst einmal die Tresortür von innen, haben die Werttransporteure den größten Teil der Arbeit hinter sich. Der Schatz ist nun vor unberechtigten Zugriffen sicher – Getty Images

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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