Neue Interessenten für Germanischen Lloyd

Cerberus und Dekra fühlen vor · Großaktionäre der Klassifikationsgesellschaft streben Preis von über 600 Mio. Euro an

Von Herbert Fromme und Bülent Erdogan, Köln I m Übernahmepoker um die Hamburger Klassifikationsgesellschaft Germanischer Lloyd (GL) haben sich zwei weitere Interessenten eingeschaltet. Dabei soll es sich um die US-Investmentgruppe Cerberus und die Stuttgarter Prüforganisation Dekra handeln. Cerberus wollte nicht Stellung nehmen, bei Dekra hieß es: „Wir können das weder bestätigen noch dementieren.“ Vor zwei Wochen hatte die französische Klassifikationsgesellschaft Bureau Veritas (BV) den Aktionären von GL ein Angebot unterbreitet.

Einige der großen Aktieninhaber wollten ihre Anteile verkaufen, hieß es aus Branchenkreisen: „Es handelt sich jetzt um eine Auktion.“ BV habe rund 550 Mio. Euro geboten. „Die Großaktionäre versuchen, mehr als 600 Mio. Euro zu bekommen“, hieß es. Die Eigner halten die Aktien bereits seit mehreren Jahrzehnten, die Anteile stehen mit sehr niedrigen Werten in den Bilanzen. Bei einem Verkauf könnten sie erhebliche Buchgewinne erzielen.

Größte GL-Aktionäre sind die Commerzbank mit 17 Prozent, Allianz mit 15 Prozent, die Deutsche Bank mit 13 Prozent sowie die Münchener Rück mit zwölf Prozent. Deutsche Reeder halten kleinere Anteile. Als „Schiffs-TÜVs“ überwachen Klassifikationsgesellschaften den technischen Zustand von Schiffen. Das beginnt in der Bauphase, in der die Gesellschaften im Auftrag der Reeder die Einhaltung aller technischen Vorschriften überwachen. Während des Betriebs ist alle fünf Jahre eine technische Untersuchung – die „Klasse“ – erforderlich. Ohne die entsprechenden Bescheinigungen dürfen die Schiffe kaum einen Hafen in der Welt anlaufen. Momentan überwacht GL weltweit eine Flotte von mehr als 6100 Schiffen. Außerdem sind etwa 1100 Schiffe bestellt oder bereits im Bau, die eine GL-Klassifizierung erhalten werden. Bei den Containerschiffen ist GL international der Marktführer. Zurzeit herrscht in der Branche weltweit ein starker Verdrängungswettbewerb. In Schiffstonnage gerechnet steht GL global auf Platz vier, BV auf Nummer fünf.

Der mögliche Käufer Cerberus hat in den vergangenen Jahren eine ganze Reihe deutscher Unternehmen erworben und sucht weitere Chancen. Ob sich GL aber für das Geschäftsmodell der Amerikaner – Ankauf, Aufladen von Schulden und baldiger Verkauf oder Börsengang – eignet, bezweifeln Branchenkenner.

Die Prüforganisation Dekra bietet Dienstleistungen im Automobil- und Industriebereich an. Die 15 000 Mitarbeiter erwirtschafteten im vergangenen Jahr einen Umsatz von 1,2 Mrd. Euro. „Dekra und GL würden ausgezeichnet zusammenpassen“, sagte ein Manager in Stuttgart. Ob allerdings das Unternehmen den Kaufpreis schultern kann und die Zustimmung seiner Gremien erhält, ist noch offen. Die Gruppe wird von einem Verein kontrolliert, der rund 25 000 Mitglieder hat, darunter Flottenmanager, Werkstätten und andere Unternehmen.

Das Pariser Bureau Veritas würde mit der GL-Übernahme zu einer der größten Klassifikationsgesellschaften weltweit aufsteigen. Im vergangenen Jahr betrug der BV-Umsatz 1,65 Mrd. Euro, verglichen mit 318 Mio. Euro bei GL. Für 2006 geht GL von einem Umsatz von mehr als 355 Mio. Euro aus. Die Hamburger erzielen rund 78 Prozent ihres Umsatzes in der Schifffahrtsparte, der Rest stammt aus industriellen Dienstleistungen.

Der GL-Betriebsrat sprach sich am Donnerstag in einer Mitarbeiterversammlung in Hamburg gegen einen Verkauf der Gesellschaft an BV aus. Der GL-Vorstand will den Aktionären kommende Woche die Ablehnung der BV-Offerte empfehlen.

Zitat:

„Es handelt sich jetzt um eine Auktion“ – Branchenkreise –

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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