Under Deconstruction

Der Name Gerling hatte Klang. Doch nach der Übernahme durch Talanx steht der Versicherer vor dem eigenen Totalschaden: Spitzenkräfte flüchten, Großkunden kündigen

Von HERBERT FROMME, KÖLN Gerling“, sagt ein Manager, „war ein wenig wie eine Sekte.“ Die ersten ein, zwei Jahre nach dem Eintritt in den Konzern gehörte man noch gar nicht recht dazu. Den Status eines Gerling-Mannes musste man sich intern erarbeiten. Wer bei Gerling war, der war eben etwas Besonderes.

Der Konzern machte Industrieversicherungen, ein sehr eigenes Gewerbe. Die Deckung einer Chemieanlage oder eines Jumbojets gegen Millionenschäden hat wenig mit der Versicherung einer Dreizimmerwohnung oder eines Pkw zu tun. Industrieversicherung, das ist international, das ist die große Welt, das sind Verhandlungen mit Vorständen und Bereichsleitern von Siemens, ThyssenKrupp, Bayer – und nicht Klinkenputzen in Köln-Höhenhaus. Und die Gerling-Leute waren in dem exklusiven Klub noch etwas exklusiver.

Doch das ist Vergangenheit. Ein Konkurrent hat im vergangenen Jahr Gerling gekauft. Ausgerechnet einer, auf den die Gerling-Leute jahrzehntelang herabgeblickt haben, den Gerling sogar in den 90er-Jahren kaufen wollte: Talanx, bis vor Kurzem noch bekannt unter dem Namen Haftpflichtverband der Deutschen Industrie (HDI).

Die Stimmung bei den 2900 Mitarbeitern ist seitdem mies. Sie sehen, wie ihre Traditionsmarke abgewickelt und ausgeschlachtet wird. Längst ist die Integration ins Stocken geraten. Spitzenpersonal wechselt zur Konkurrenz, Großkunden kehren Gerling den Rücken. Nirgendwo ist der Niedergang so sichtbar wie in Köln: Das Ensemble von marmorverkleideten Bürogebäuden in der Innenstadt gehört bereits einem Investor, die in Köln verbleibenden Reste des Unternehmens ziehen 2009 in einen kleineren Zweckbau auf der anderen Rheinseite.

700 Mitarbeiter der Gerling Konzern Allgemeine (GKA) sollen nach Hannover wechseln, gleichzeitig werden große Abteilungen in der Lebensversicherung aus Hamburg, Hilden und Wiesbaden nach Köln verlegt. Insgesamt verlieren 1800 von 16 800 Mitarbeitern des fusionierten Konzerns ihren Arbeitsplatz. Wer kann, geht: Ein großer Teil der Topmannschaft ist schon bei Wettbewerbern oder wechselt in den nächsten Monaten – darunter Marktgrößen wie Haftpflichtvorstand Hermann Jörissen und Vertriebschef Wolfgang Faden, die zum Konkurrenten Allianz wechseln.

Gerling, das ist ein ganz eigenes Stück Versicherungsgeschichte. Die meisten Industrieversicherer arbeiten seit Langem mit Versicherungsmaklern wie Aon, Marsh, Funk oder Ecclesia als wichtigem oder sogar wichtigstem Vertriebskanal. Die Makler beraten den Kunden, sondieren den Markt, finden das beste Angebot.

Gerling hatte sich lange erfolgreich gegen die Großmakler gewehrt. Hans Gerling, der 1991 gestorbene langjährige Firmenchef, gewann die Kunden ohne externe Makler. Gerlings Trümpfe: flächendeckende Betreuung, Treue und Expertise. Den Gerling-Leuten musste man nicht jedes Jahr wieder die komplizierte Produktstruktur eines Großkunden erklären, ein Horror für die Versicherungseinkäufer der Konzerne. Gerling war verlässlich in der Schadenabwicklung. Und verstand es, mit wenig Eigenkapital hohe Versicherungskapazität zur Verfügung zu stellen, indem es geschickt Rückversicherer einsetzte und Konkurrenten zu Mitversicherern machte.

Kein Wunder, dass die deutsche Industrie Gerling liebte. Das ging so weit, dass Oetker, Bayer, BASF, Schering, Lufthansa und andere 2003 rund 150 Mio. Euro als Finanzspritze in die Gruppe pumpten. Kein Wunder auch, dass die Gerling-Manager ihr Unternehmen für etwas Besonderes hielten. Gerling ist durchdrungen von dem Geist, „anders“ zu sein, sagt der frühere Gerling-Finanzvorstand und spätere Axa-Deutschland-Chef Claus-Michael Dill. Aber: „Zu welchem Zweck sind wir anders? Sind wir profitabler? Wachsen wir schneller?“ Darum sei es bei dem „gefühlsdurchwirkten Familienunternehmen“ nie gegangen.

Ende der 90er-Jahre geriet der Konzern in eine schwere Krise. Er verzockte sich bei einer Übernahme in den USA, erlitt Verluste während der Börsenflaute und machte im Kerngeschäft wegen vieler Großschäden kaum noch Gewinne. 2002 musste er den Geschäftszweig Rückversicherung aufgeben und die Kreditversicherung verkaufen.

Danach stabilisierte Vorstandschef Björn Jansli das Unternehmen, unterstützt durch eine geschickte PR-Kampagne. Nach außen hin gesundete Gerling – auch wenn das Kernproblem der Kapitalknappheit blieb. „Damals waren alle erst recht stolz darauf, wie sie Gerling aus der Krise geholt hatten“, erinnerte sich der Gerling-Manager.

Die Suche nach einem Geldgeber blieb jedoch oben auf der Tagesordnung. Nach langem Hin und Her kam es Ende 2005 zu dem Deal mit dem Hannoveraner Konkurrenten. Er wurde im Mai 2006 wirksam.

Seither integriert Talanx die Gerling-Gesellschaften in seine bestehenden Versicherer, die meistens unter der Marke HDI antreten. Doch die Integration läuft schlecht.

Verantwortet wird sie von den Talanx-Granden Wolf-Dieter Baumgartl, Aufsichtsratschef, Herbert Haas, Konzernchef, und Vorstand Christian Hinsch, zuständig für das Industriegeschäft. Ihnen war klar, dass sie Gerling nicht einfach so weitermachen lassen konnten – sonst wären sie eines Tages aufgewacht, und die agile Gerling-Mannschaft hätte in dem Konzern die Macht übernommen. Dazu mussten die operativen Einheiten zusammengelegt werden, um Synergien zu heben. Talanx will die Burg schleifen – doch die Methoden sind oft dilettantisch.

Beispiel Spitzenpersonal: Die Hannoveraner Führung hat es versäumt, sich einen Überblick über die Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter zu verschaffen. Es gab mehrere Angebote von renommierten Headhuntern für Management-Audits, alle lehnte man ab. Das hätte als Nebeneffekt den Headhuntern verwehrt, bei Gerling zu wildern. Inzwischen ist der Konzern ein wahrer Personalquell für die Konkurrenz.

Beispiel Ortswechsel: Den Umzug nach Hannover macht Talanx nicht attraktiv, der Charme der Stadt an der Leine kann nicht verfangen. Zu einem „Relocation-Meeting mit Partnern“, zu dem die Konzernspitze einlud, kam zwar eine ganze Reihe von Gerling-Spitzenleuten. Aber nur einer kam mit seiner Frau.

Beispiel Betriebliche Altersversorgung: Am selben Tag, als die Fusion wirksam wurde, kündigte die Talanx-Führung die Vereinbarungen zur Betriebsrente bei Gerling. Wenig stilvoll schickte der Talanx-Vorstand die Kündigung nicht an den Gerling-Betriebsrat in Köln, sondern an den seit wenigen Stunden auch für die Kölner Töchter zuständigen Talanx-Betriebsrat in Hannover. Der stimmte der Vertragskündigung sofort zu. Inzwischen haben die Kölner zwei Rechtsgutachten eingeholt, die starke Zweifel an der Legalität des Vorgehens äußern.

Zu alldem gesellt sich ein Streit über Sparmaßnahmen. Talanx-Verantwortliche behaupten, die Kostenquote bei der GKA sei sehr viel höher als bei HDI. Gerling-Manager widersprechen heftig – zu Recht, wie interne Papiere belegen. Die Gerling-Leute fühlen sich ungerecht behandelt. Nicht nur aus eigener Sicht, auch aus der von Kunden und Rückversicherern stehen sie nicht schlechter da als die neuen Verwandten aus Hannover.

Inzwischen wirkt sich das Gerangel auf die Kundenbeziehungen aus. Vor allem die zahlreichen Abgänge von Gerling-Managern beunruhigen die Versicherungseinkäufer. Großkunde Deutsche Bahn hat dem Rivalen Zurich Financial den Zuschlag als führendem Versicherer gegeben. „Uns kommen die Ansprechpartner bei Gerling abhanden, und das hat Auswirkungen auf das Geschäft“, sagte Hans-Jürgen Allerdissen, Geschäftsführer des bahneigenen Maklers Deutsche Verkehrs-Assekuranz.

Bei vielen anderen Kunden sind HDI und Gerling gleichzeitig als Mitversicherer auf wichtigen Policen – und nach der Fusion plötzlich mit einem Anteil vertreten, den die Kunden als ungesund groß empfinden. Bei VW hatte HDI 15 Prozent am Feuerversicherungskonsortium, Gerling 20 Prozent. Den Gerling-Anteil hat VW nicht erneuert, aber den HDI-Anteil nicht aufgestockt. Was von den Einnahmen von 2,5 Mrd. Euro in der Industrieversicherung übrig bleibt, werden die kommenden drei Jahre zeigen. Vom Gerling-Konzern wird jedenfalls nicht viel übrig bleiben. Die Marke ist schon fast verbrannt. Wenn sich der Staub gelegt hat, wird die neue Gruppe als einer der wichtigsten Industrieversicherer eine große Rolle spielen. Aber dass die Kunden HDI Gerling genauso lieben wie früher „ihren“ Gerling, ist sehr unwahrscheinlich.

Bild(er):

Nach den vielen Managementfehlern bei der Integration des Branchenlieblings Gerling ist die Marke fast zerstört

www.ftd.de/talanx

www.ftd.de/talanx

Perspektive der Versicherer

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit