Die Allroundanbieter werden zur Ausnahme

Versicherer konzentrieren sich künftig auf bestimmte Zielgruppen und Vertragsarten · Viele rechnen mit steigenden Prämien in einzelnen Sparten

Von Katrin Berkenkopf Weniger Auswahl für die Kunden und weniger Produkte bei kleineren Versicherern – nach Erwartung von Experten werden die neuen Eigenkapitalvorschriften der Europäischen Union unter dem Stichwort Solvency II die Produktpalette in der Versicherungswirtschaft deutlich beeinflussen. „Durch Fokussierung auf bestimmte Produkte oder Zielgruppen erhofft man sich, mit weniger Risikokapital auskommen zu können“, sagt Frank Romeike von Risknet. In dem Netzwerk haben sich Experten und Organisationen zusammengeschlossen, die sich professionell mit Risikomanagement befassen.

Risknet hat eine Studie zu den Auswirkungen von Solvency II erarbeitet und Branchenexperten befragt. Fast alle Teilnehmer erwarten durch das neue Regelwerk eine risikoorientierte Veränderung der Produkte. Immerhin noch fast die Hälfte rechnet mit einer Fokussierung des Angebots und einer Bereinigung des Portfolios bei den einzelnen Versicherern.

Die Einengung der Produktpalette müsse sich nicht unbedingt auf kleine Versicherungsunternehmen beschränken, sagt Romeike. Einige kleinere Anbieter, die auf lokalen Märkten aktiv sind, werden auch weiterhin den kompletten Bauchladen anbieten, „egal, ob das teurer wird“, erklärt er..

„Für kleine Versicherer stellen die zunehmenden Anforderungen eine Herausforderung dar“, sagt Peter Bamert, Leiter Corporate Finance & Risk Management bei der Schweizer Helvetia-Gruppe. „Sie müssen sich entweder spezialisieren oder die Produktpalette erweitern.“ White Labelling sei dabei ein denkbares Thema – das heißt, Versicherer kaufen fertige Produkte oder -komponenten bei anderen Anbietern ein und vermarkten sie dann unter ihrem Namen. Die Risknet-Studie legt nahe, dass die Veränderung von Produkten zur Einschränkung bei Garantien und Wahlrechten führen wird. „Irgendwann haben die Versicherer festgestellt, dass diese Optionen alle viel Geld kosten“, sagt Romeike.

Das sieht auch Helvetia-Manager Bamert so. In der Vergangenheit hätten manche Unternehmen zum Beispiel die Garantien bei Lebensversicherungen nicht richtig bepreist und abgesichert. Heute würden die Anbieter mehr und mehr ihre Risikomanager in die Gestaltung der Verträge einbeziehen. „Wir versuchen, genau herauszufinden, welche Optionen und Garantien den Kunden wichtig sind“, sagt Bamert. „Der Kunde erhält dafür bedarfsgerechte Produkte und damit fairere Preise.“

Fairere Preise sind nicht immer günstiger. So erwarten laut Studie mehr als 40 Prozent für die industrielle Sach- und Haftpflichtversicherung steigende Beiträge im Zuge von Solvency II. Die Kunden könnten ihre Prämien aber beeinflussen, sagt Romeike. „Wer als Versicherungsnehmer selbst ein vernünftiges Risikomanagement betreibt, wird das auch preislich honoriert bekommen.“

Manche Experten halten es noch für zu früh, um konkrete Auswirkungen von Solvency II auf die Verträge abzuschätzen. „Ankündigungen sind etwas anderes als die tatsächliche Umsetzung“, sagt Rainer Will von der Ratingagentur Assekurata. Eine Vielzahl von Faktoren treibe Veränderungen bei den Versicherungsprodukten an. „Es gibt etwa den allgemeinen Kostendruck und eine Tendenz zur Verschlankung von Produktportfolios.“ Der Anteil von Solvency II an diesem Prozess sei daher schwer zu bemessen. „Nachher kann man unter Umständen gar nicht mehr unterscheiden, was der Grund für eine Entwicklung war.“

Zitat:

„Kleine Versicherer folgen dem Markt“ – Peter Bamert,Helvetia-Gruppe –

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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