Finanzaufsicht setzt auf mehr Transparenz

In der Assekuranz hat Solvency II nicht nur Freunde. Von Re-Regulierung ist die Rede. Die Finanzaufsicht sieht das anders. BaFin-Versicherungschef Thomas Steffen spricht von einem hohen Nutzen für die Versicherungsbranche dsfgsd fs

VON Herbert Fromme Mit einer Mischung aus Resignation und Furcht vor einem bürokratischen Monster betrachten viele Versicherungsmanager die Einführung der Solvency-II-Regeln auf EU-Ebene. Das böse Wort von der „Re-Regulierung“ – nach der 1994 begonnenen Deregulierung – macht die Runde. Thomas Steffen kann das nicht nachvollziehen. „Solange sich die europäische Gesetzgebung auf wichtige Prinzipien und einige wenige, dafür aber klare Regeln beschränkt, sehe ich keine Re-Regulierung“, sagt Steffen.

Der Jurist kennt sich gut aus im Metier: Als Erster Direktor leitet er bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) die Säule Versicherung. Außerdem ist Steffen Vorsitzender von Ceiops, der Vereinigung von Versicherungsaufsehern innerhalb der EU, und Vorstandsmitglied der internationalen Aufseherkonferenz in Basel. Ceiops, der Name steht für Committee of European Insurance and Occupational Pension Supervisors, ist entscheidend an der Erarbeitung von Solvency II beteiligt. Festgelegt werden die Regeln von der EU. „Wir sind immer noch in einer frühen Phase und vor dem Beginn der Verhandlungen auf politischer Ebene“, sagt Steffen. „Insofern verstehe ich, dass die Erwartungen gerade in der Wirtschaft hoch sind, bald einen akzeptablen Richtlinienentwurf vorgelegt zu bekommen.“

Der Kerngedanke von Solvency II besteht darin, die Verantwortung des Managements für das eigene Unternehmen zu stärken und dadurch die quantitativen Vorgaben der Aufsicht deutlich zu verringern.

„Anders ausgedrückt: Ein Teil der Aufsicht wird in das Unternehmen selbst verlagert. Dies ist keine Re-Regulierung, sondern eine Selbstverständlichkeit“, sagt Steffen. Er ist fest davon überzeugt, dass die EU-Kommission ihren eigenen Zeitplan einhalten wird und im Juli 2007 einen Entwurf vorlegt. Steffen appelliert an die Branche: „Wichtig ist, dass die Verbände und Unternehmen den Prozess auch danach weiter begleiten.“ Gleichzeitig müsse sich die Versicherungswirtschaft sukzessive auf künftige Anforderungen einstellen. „Deutsche Unternehmen haben hierbei eine gute Ausgangsbasis, wie die bisherige positive Teilnahme an den europäischen Feldtests zeigt“, sagt Steffen.

Den Aktuaren als Risikomanagern werde eine zentrale Rolle zukommen. „Ich sehe für sie breite Einsatzmöglichkeiten unter einem künftigen Solvency-II-System und hoffe, dass der Markt und das Angebot mit dieser Entwicklung Schritt halten können“, sagt Steffen. Aber das System dürfe gleichzeitig nicht so kompliziert werden, dass nur noch Mathematiker es verstehen. „Wir als Aufseher wollen deshalb nicht vorschreiben, dass vermehrt Aktuare eingesetzt werden müssen.“ Die Aufsicht definiere Funktionen und überlasse es dann den Unternehmen, wie und durch wen die Funktionen ausgefüllt werden.

Solvency II soll helfen, durch ein gesamtheitliches Risikomanagement und entsprechende Kapitalanforderungen Insolvenzen und Schieflagen bei Versicherern zu vermeiden. Damit wollen EU und Versicherungsaufseher die Kunden vor negativen Auswirkungen schützen.

Tatsächlich haben der Aktiencrash und die Niedrigzinsphase den Versicherern demonstriert, dass sie anfällig sind für bestimmte Krisenszenarien. Aber führt ein solches System nicht zu neuen Krisenherden, wenn es zu gleichförmigem Verhalten der Assekuranz mit ihren gigantischen Kapitalanlagen führt? Steffen sieht das Problem. „Wenn alle Versicherer ihre eigenen Risiken gut managen, profitiert das gesamte Finanzsystem“ , sagt er. „Vermeiden wollen wir dabei aber, dass alle Unternehmen auf negative Entwicklungen zum Beispiel der Kapitalmärkte gleich reagieren.“ Ceiops werde deshalb einer solchen möglichen „Prozyklizität“ große Aufmerksamkeit schenken. „Wir wollen alle pauschalen Aufsichtsvorgaben vermeiden, die solche negativen Entwicklungen noch fördern würden.“

Solvency II wird oft als Parallelveranstaltung zu Basel II bezeichnet, dem Regelwerk für das Eigenkapital der Banken. Allerdings gibt es hier einen wesentlichen Unterschied: Basel II ist von vornherein als internationale Veranstaltung angelegt gewesen, Solvency II findet auf nur EU-Ebene statt. Aber Steffen glaubt, dass Solvency II gute Chancen hat, ein Weltstandard zu werden. „Das Interesse wichtiger Staaten weltweit an Solvency II ist groß.“ Die europäischen Aufseher seien im Dialog mit Ländern wie den USA oder China.

Zunächst aber muss sich die EU einigen – das ist keine leichte Geburt. „Jeder Entstehungsprozess einer Richtlinie in Europa ist kompliziert“, bestätigt Steffen. Schließlich wirken 27 Staaten mit. Aber es gebe die Hoffnung, dass es nach jahrzehntelangem europäischem Durcheinander erstmals eine einheitliche europäische Regelung gebe, die diesen Namen verdient. „Unsere Position als BaFin war immer, die Unternehmen nicht zu überfordern und vor allem das Prinzip der Proportionalität mit Leben zu erfüllen“, sagt Steffen. Wer nur wenige Risiken eingeht, muss seinen eigenen Aufwand und die Kosten klein halten dürfen.

Großbritannien ist vorgeprescht und hat ein eigenes risikobasiertes System eingeführt. „Der Umstellungsaufwand für die Industrie ist damit nach vorne gezogen worden“, sagt Steffen. Dabei könne Großbritannien nicht sicher sein, dass nach Festlegung der verbindlichen Vorgaben unter Solvency II kein Umstellungsaufwand anfalle. „In Deutschland gehen wir einen etwas anderen Weg: Wir implementieren die künftigen Solvency-II-Anforderungen parallel zu der europäischen Entwicklung, so wie wir es zurzeit mit den Mindestanforderungen für Risikomanagementsysteme tun“, sagt Steffen.

Zitat:

“ „Ein Teil der Aufsicht wird in das Unternehmen verlagert“ “ – Thomas Steffen, BaFin –

Bild(er):

Versicherungen gegen Entführung und Produkterpressung waren in Deutschland lange verboten – die Aufsicht fürchtete, das Bestehen solcher Deckungen könne Täter ermutigen. Heute haben alle großen Konzerne entsprechende Policen. Bei Entführungen gerade in Lateinamerika geht es immer um viele US-Dollar – Getty-Images/Don Farrall

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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