Manager trainieren für den Aufenthalt in gefährlichen Regionen

Mit Lösegeldversicherungen können Unternehmen für Entführungen von Mitarbeitern vorsorgen · Risikomanagement zur Vorbeugung wird großgeschrieben

Von Patrick Hagen Nur mit Bauchschmerzen schicken Konzerne Mitarbeiter in manche Länder Südamerikas, Afrikas oder des Nahen Ostens. Entführungen und Überfälle auf westliche Manager gehören dort zum Alltag. Aber wer global arbeitet und in diesen Regionen Geschäfte machen will, muss mit Personal präsent sein. Umso wichtiger ist die gute Vorbereitung. Unternehmen können dazu auf Versicherer zurückgreifen, die spezielle Entführungspolicen anbieten.

Immer mehr Firmen schließen für Angestellte, die in unsicheren Gegenden für sie arbeiten, solche Verträge ab. Erst seit 1998 dürfen Versicherer in Deutschland das Risiko der Lösegeldzahlung bei Entführung oder Erpressung übernehmen – vorher hielt die Aufsicht dieses Geschäft für sittenwidrig.

Die Auflagen für die Anbieter sind streng. Unternehmen dürfen für die Verträge nicht werben, nur wenige Mitarbeiter von abgeschlossenen Policen wissen. Auf diese Weise will der Staat verhindern, dass potenzielle Erpresser durch die Existenz der Verträge animiert werden. Nur einzelne Versicherer haben die Policen im Programm, etwa Spezialisten wie Gerling oder AIG.

Für die Kunden müssen die Anbieter ein Krisenmanagement bereitstellen. Das führt zu hohen Preisen. Versicherer beauftragen spezielle Berater mit der Entwicklung von Konzepten vor allem für den Schutz von potenziellen Opfern, aber auch für den Ernstfall. Damit soll es Unternehmen möglich sein, auf allen Märkten präsent zu sein. „Es gibt eigentlich keine Länder, für die wir von wirtschaftlichen Aktivitäten abraten“, sagt Robin Kroha von Control Risks Deutschland. Selbst im Irak, in Afghanistan oder Somalia helfen die Spezialisten vor Ort. Die Muttergesellschaft Control Risks sitzt in London. Mit 650 Mitarbeitern gehört sie zu den Marktführern.

Sicherheitsexperten kommen lange vor der Abreise in die Krisenregion ins Spiel. Sie trainieren mit den Managern das Verhalten bei einem Überfall oder einer Entführung. Noch wichtiger: Sie geben lebensnotwendige Tipps, wie man gar nicht erst in eine solche Lage kommt. „Wichtig ist, sich unauffällig zu verhalten und keinen Wohlstand zu zeigen“, sagt Jens Washausen von der Sankt Augustiner Sicherheitsberatung Trauboth Risk Management. Das reicht von der Wahl des Understatement-Autos bis zur Kleidung. Schlagen Entführer dennoch zu, werden die Spezialisten als Krisenmanager eingeschaltet.

Control Risks hat spezielle Fragebögen vorbereitet, in denen persönliche Antworten von möglichen Entführungsopfern registriert werden. Mit dem Abfragen der Antworten aus „Proof of Life“-Fragebögen beginnt jede Verhandlung mit Entführern. Washausen warnt Firmen davor, bei Entsendungen in scheinbar nicht gefährdete Regionen weniger wachsam zu sein. „Auch bei Aktivitäten in nach unserer Wahrnehmung relativ normalen Ländern sollten sie vorbereitet sein“, sagt er.

Das gilt nach den Erfahrungen der Berater auch für viele Länder Osteuropas. In einem Büro im Hochhauskomplex Treptowers in Berlin beschäftigen sich 17 Control-Risks-Spezialisten nur mit diesen Ländern. Sie erstellen Risikoanalysen und bereiten Unternehmen auf die Gefahren durch eine Verfilzung von Politik, Wirtschaft und Verbrechen vor.

Viele Konzerne beschäftigen Sicherheitsberater auch bei ihren inländischen Tochterfirmen. Ihre Expertise ist gefragt bei Erpressung durch vergiftete Babynahrung in Supermarktregalen, bei Industriespionage oder dem möglichst effektiven Rückruf von Produkten.

Nicht alle Sicherheitsberater haben einen guten Ruf. „Die Branche wird häufig mit Türstehern und Bodyguards verbunden“, sagt Alexa Sipos vom nordrhein-westfälischen Verband für Sicherheit in der Wirtschaft. Auch Kroha kennt schwarze Schafe unter den Konkurrenten. Bei Control Risks arbeiten neben früheren Spionen und Militärs auch Volkswirte und Juristen. „Wir erfüllen nicht das Klischee von Sicherheitsberatern, die nur aus ehemaligen Kommandokräften bestehen“, sagt Kroha. Im Ernstfall verhandeln seriöse Sicherheitsberater niemals selbst mit Entführern und befreien keine Geiseln, sagt er.

Zitat:

“ „Wichtig ist, sich unauffällig zu verhalten““ – Jens Washausen, Sicherheitsberater –

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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