Ein Fall fürSpezialisten

Unternehmer haben viel Lehrgeld gezahlt für die Erkenntnis, dass Versicherungen allein nicht ausreichend schützen. Daher sind Fachleutegefragt, die alle Risiken im Blick haben und die Gefahr minimieren

VON Herbert Fromme und Christina Palmberger Deutschland erlebt die Geburt einer neuen Wachstumsbranche. Das Risikomanagement oder Risk-Management etabliert sich als fester Bestandteil der Unternehmenskultur. Immer mehr Firmen suchen in Stellenanzeigen „Risikomanager“, „Risk-Manager“ oder sogar „Chief Risk Officers“. Beratungsunternehmen für Risikomanagement werden landauf, landab gegründet, Versicherungsmakler und Wirtschaftsprüfer sehen sich ohnehin als die geborenen Spezialisten auf diesem Sektor.

Der Trend hat mehrere Ursachen: Druck von Anlegern und Ratingagenturen, starke gesetzliche Vorgaben und die Erkenntnis, dass einem Unternehmen mehr Gefahren gegenüberstehen, als es im Alltag wahrnimmt. „Der tägliche Umgang mit Höchstrisiken macht stumpf“, sagt Lothar Riedle vom Versicherer ACE. Doch gegen die Stumpfheit ihrer Mitarbeiter ziehen immer mehr Unternehmen systematisch zu Felde.

Risikomanagement ist in vielen Unternehmen eng verbunden mit dem Versicherungsschutz, den es eingekauft hat. Nicht umsonst ist in den meisten angelsächsischen Märkten der Risk-Manager auch der Versicherungseinkäufer. „Dieser Trend wird sich auch in Deutschland durchsetzen“, sagt Rosemarie Rütten von der Risk & Insurance Management Beratung.

Die Unternehmen haben aus böser Erfahrung gelernt, dass es nicht reicht, sich gegen Feuer, Flut oder Sturm zu versichern – und nach einem Schaden Geld zu kassieren und einfach weiterzumachen. In der globalisierten Welt warten Kunden nicht ein paar Monate, bis die Maschinen ersetzt sind und die Produktion wieder läuft. Sie suchen sich Ersatz bei einem Wettbewerber und kehren möglicherweise nicht zurück.

Kluge Risikomanager setzen deshalb darauf, mit allen nur vertretbaren Mitteln die Schäden von vornherein zu verhindern – damit die Versicherungsdeckung wirklich nur für den äußersten Notfall da ist.

Manager, die ihr Unternehmen nicht selbst in diese Richtung bewegen, bekommen Druck. Zum Beispiel von der Politik. Als Konsequenz aus vielen unappetitlichen Insolvenzen in den 90er-Jahren, unter anderem des gigantischen Schiffbaukonzerns Bremer Vulkan, verabschiedete der Bundestag 1998 das Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich (KonTraG). Seither muss jedes kapitalmarktorientierte Unternehmen im Geschäftsbericht seine wichtigsten Risiken benennen und beschreiben, wie es damit im Detail umgeht.

Die von der Börsenkrise 2000 bis 2002 gebeutelten Banken und Versicherer sehen sich vor Spezialregeln, die ihre Risikosysteme auf Vordermann bringen sollen. Mit Basel II und Solvency II wollen Regierungen und Aufseher dafür sorgen, dass sie ihre Risiken und die Beziehungen zwischen ihnen kennen. Vor 20 Jahren war es möglich, dass ein Versicherer einen Pharmakonzern abdeckt und der Kapitalanleger des Unternehmens fröhlich in die Aktie desselben Konzerns investiert. Hatte der Pharmahersteller dann ein Problem, etwa einen Produktrückruf mit hohem Versicherungsschaden, brach auch die Aktie ein, das Unternehmen war zweifach getroffen. Künftig sollen interne risikoorientierte Rechenmodelle Versicherer vor solchen Fußangeln warnen. „Der Versicherer, der ein internes Modell einsetzt, verfügt über aktuellere und detaillierte Informationen und kann sein Unternehmen risikoadäquater steuern“, sagt der Präsident der Finanzaufsicht BaFin, Jochen Sanio. Der Nutzen dieser Modelle ist hoch, denn Versicherer können die Ergebnisse auch für Gespräche mit Aktionären, Analysten oder Ratingagenturen nutzen. Aber der Aufwand ist ebenfalls groß. „Interne Modelle zu installieren ist kein Pappenstiel“, sagt Sanio.

Als weitere ökonomische Großmacht haben die Ratingagenturen zur Verbreitung des Risiko-Gedankens beigetragen. Sie bewerten heutzutage Unternehmen nicht nur nach Bilanzzahlen, sondern auch nach Führungskultur und Präventionssystemen. Das Schlagwort heißt „Enterprise Risk Management“. Wer hier schlechte Noten bekommt, hat kaum Aussicht auf eine gute Gesamtbewertung. Die unangenehme Folge: Anleger und Kunden meiden das Unternehmen.

Die neue Begeisterung für die Vorsorge birgt allerdings auch selbst Gefahren. Riskante Situationen und Geschäfte tragen oft interessante Chancen in sich. Wenn Risikomanagement das unternehmerische Denken ablöst und ein Unternehmen kein Risiko mehr eingeht, hat es auch keine Zukunft.

Zitat:

“ „Der tägliche Umgang mit Höchstrisiken macht stumpf“ “ – Lothar Riedle, ACE –

Bild(er):

Handschuhe, Maske und Schutzanzug bewahren den Imker vor Stichen. Seine Bienen umschwirren ihn, während er die Honigwabe entnimmt – Getty-Images/David Barnes

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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