Risikomodellierer machen Langfristprognosen möglich

Viele Versicherungsdeckungen und Kapitalmarktverbriefungen wären ohne Spezialunternehmen undenkbar · Drei Weltmarktführer sind aktiv

Von Herbert Fromme Vertrauen in das US-Unternehmen Risk Management Solutions (RMS) zeigen die Anleger, die im April eine Anleihe über 150 Mio. $ zeichneten. Denn mit dieser sicherte sich die Allianz gegen Großschäden aus Flutrisiken in Großbritannien und Erdbeben in Kanada und den USA ab. RMS spielt eine zentrale Rolle in dem Prozess. Wenn das Unternehmen aufgrund seiner Messungen und Datensammlungen feststellt, dass der Schadenfall eingetreten ist, verlieren die Anleger Geld – sonst dürfen sie sich über einen satten Sonderzins freuen.

RMS sitzt in Newark in Kalifornien und gehört zu den drei Unternehmen, die den Markt der Katastrophenmodellierer anführen. Die beiden anderen sind Applied Insurance Research (AIR) in Boston und Eqecat in Oakland. Sie beschäftigen Sozialwissenschaftler, Meteorologen, Klimaforscher, Bauingenieure, Statistiker, Mediziner und andere Experten. Die Dienstleistungen der drei sind so gefragt wie nie. Versicherer und Rückversicherer müssen ihr Risikomanagement umstellen. Ratingagenturen und Finanzaufseher verlangen, dass sie einen genauen Überblick über die eingegangenen Risiken haben. Das ist ohne Modellrechnungen unmöglich.

Jahrhundertelang lebte die Assekuranz vor allem von Erfahrungswerten: Wie oft kam es in der Vergangenheit zu einem Sturm der Stärke sieben, wie hoch sind die versicherten Werte? So ließ sich bequem eine Versicherungsprämie ausrechnen. „Doch dann kam Hurrikan Andrew“, sagte RMS-Chef Hemant Shah. Der Sturm von 1992 kostete die Branche 15 Mrd. $, in heutigen Preisen sind das 22,27 Mrd. $. „Andrew erschütterte die Versicherer in den Grundfesten“, sagte Shah. Einen solchen Megaschaden sahen ihre Kalkulationen einfach nicht vor. Die Katastrophenmodellierer sollen dafür sorgen, dass so etwas nie wieder vorkommt. Die Spezialisten berechnen, welches Risiko ein Versicherer übernimmt, wenn er beispielsweise ein Hotel in Miami versichert, auch wenn dort noch nie ein Hotel stand. Gebäudewerte, Klimaanalysen, Schadenserfahrungen, eine Unmenge von Daten gehen in die Kalkulation ein. Heraus kommt das übernommene Risiko, eine Zahl, die so belastbar sein muss, dass die gesamte Branche ihre Kalkulationen darauf aufbaut.

Die Kunden sind Rückversicherer, Gebäudeversicherer, Versicherungsmakler. Billig sind die Zukunftsforscher nicht. Wer Standardanalysen braucht, muss auf jeden Fall 100 000 $ ausgeben. Wenn American International, Allianz, Münchener Rück oder Zurich Financial Daten und Modelle für ihr globales Geschäft einkaufen, zahlen sie mehr als 5 Mio. $ pro Jahr.

Verzichten wollen die Versicherer darauf nicht mehr. Schließlich müssen sie einschätzen können, welche Risiken sie eigentlich versichern. Bei einem Erdbeben wie 1906 in San Francisco müsste die Branche heute mit Schäden zwischen 75 Mrd. $ und 95 Mrd. $ rechnen. Zurzeit evaluieren die RMS-Experten die Auswirkungen einer globalen Vogelgrippe-Pandemie und versuchen, mögliche Belastungen aus Terroranschlägen oder Haftpflichtansprüchen vorherzusagen.

Ihre Berechnungen haben direkte materielle Auswirkungen. „Wenn die Modelle zu höheren Risiken kommen, brauchen die Versicherer mehr Kapital“, sagte RMS-Manager Paul VanderMarck nüchtern. Das heißt, es wird schwerer für sie, einen ordentlichen Ertrag auf das eingesetzte Kapital zu erzielen.

Zitat:

“ „Andrew erschütterte die Versicherer in den Grundfesten“ “ – Hemant Shah, RMS –

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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