Ein bisschen Privatpatient

Neue Angebote sollen gesetzlich Versicherte im Wettbewerb bei ihren Kassen halten

Von Ilse Schlingensiepen, Köln Die Krankenkassen versuchen verstärkt, mit neuen Angeboten um Kunden zu werben. Die Techniker Krankenkasse (TK) bietet ihren Versicherten jetzt einen Kostenerstattungstarif an, der sie bei der ambulanten Arztbehandlung Privatpatienten gleichstellt.

Versicherte erhalten dabei vom Arzt eine Privatrechnung, die die Kasse zu 90 Prozent erstattet. In der Regel liegen die Kosten für eine Privatbehandlung allerdings höher. Die Differenz trägt der Patient, jedoch nicht mehr als 400 Euro im Jahr. Für die Vorzugsbehandlung muss der Versicherte eine zusätzliche monatliche Prämie bezahlen.

Möglich wurde das Verfahren durch die Gesundheitsreform. Sie erlaubt den Kassen, zusätzlich verschiedene Wahltarife anzubieten, zu denen auch die Kostenerstattung gehört. Mit diesen Tarifen binden sich die Versicherten für drei Jahre an die jeweilige Kasse, was im Wettbewerb gerade auch mit der privaten Krankenversicherung (PKV) hilft. „Mit den Tarifen erhalten unsere Versicherten mehr Freiheiten, ihre Krankenversicherung stärker als bisher an persönlichen Wünschen und Bedürfnissen auszurichten“, sagt der TK-Vorstandsvorsitzende Norbert Klusen. „Damit können wir viele Menschen im solidarischen System halten, die sonst in die PKV abwandern würden.“

Die Barmer hat einen ähnlichen Tarif wie die TK entwickelt, ihn aber bisher nicht auf den Markt gebracht, weil sie die Nachfrage für nicht sehr groß hält. Grundsätzlich sieht aber auch die größte Kasse die Wahltarife als gute Möglichkeit, sich im Wettbewerb mit den anderen Kassen und der PKV zu positionieren. „Wir werden die Wahltarife in Richtung PKV ausbauen“, kündigt Barmer-Chef Johannes Vöcking an.

Seiner Einschätzung nach müssen sich die gesetzlichen Kassen künftig verstärkt auf die Bedürfnisse verschiedener Zielgruppen einstellen. „Versicherte erwarten individuell zugeschnittene, maßgeschneiderte Lösungen“, sagt er.

Die Barmer beobachtet genau, welche Erfahrungen die AOK Rheinland/Hamburg mit ihren neuen Tarifen macht. Die Kasse hat etwa Auslandsreisekrankenversicherungen oder Policen für die bessere Unterbringung im Krankenhaus im Angebot – Bereiche, die bislang der PKV vorbehalten waren.

Die AOK sieht ihr Angebot durch die gesetzlichen Regelungen zu den Wahltarifen gedeckt – und streitet sich zurzeit vor Gericht mit der PKV, die eine unzulässige Wettbewerbsverzerrung sieht. „Eventuell werden wir die Tarife der AOK Rheinland/Hamburg kopieren oder auch weiterentwickeln“, sagt Vöcking.

Solche Angebote verstießen gegen das Solidarprinzip, es gehe den Kassen nur ums Marketing, kritisiert PKV-Verbandsdirektor Volker Leienbach. „Der ,Privat‘-Tarif der TK ist das Plagiat, das nichts mit dem Original PKV zu tun hat.“

Zitat:

„Die Versicherten erhalten mehr Freiheiten“ – Norbert Klusen,Techniker Krankenkasse –

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit