Preisturbulenzen steigern Beratungsbedarf

Von 2000 bis 2002 erhöhten die Industrieversicherer drastisch ihre Prämien. Seither sinken sie wieder, aber die Assekuranz verdient immer noch gut. Das ruft neue Anbieter auf den Plan

VON Herbert Fromme Mapfre kommt aus Spanien, Mitsui Sumitomo aus Japan. QBE hat seine Heimat in Australien, Glacier Insurance in der Schweiz, Arch in Bermuda. Die Köln Assekuranz ist ein deutsches Gewächs, Mutter ist die Münchener Rück.

Allen gemeinsam ist, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten neu auf den deutschen Markt für die Industrie- und Gewerbeversicherung gekommen sind. Offensichtlich ist das Geschäft lukrativ, auch wenn die Preise seit einiger Zeit sinken.

In den vergangenen zehn Jahren ist der Markt Achterbahn gefahren. Bis Ende der 90-er Jahre herrschte ein erbittertes Hauen und Stechen unter den Versicherern. Die Anbieter offerierten Niedrigstpreise. Die möglichen Verluste, die sie im eigentlichen Versicherungsgeschäft einfuhren, konnten sie mit den hohen Mittelzuflüssen am Kapitalmarkt mehr als ausgleichen. Volumen war alles, „Cashflow Underwriting“ das Zauberwort.

Ab 2000 drehte sich der Aktienmarkt – und die Stimmung der Versicherer. Sie begannen, systematisch die Preise zu erhöhen. „Sanierung“ heißt das in der Assekuranz. Das Kartellamt glaubte später, damals sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen, es habe Absprachen über „gleichförmiges Marktverhalten“ gegeben. Die meisten Versicherer bestreiten das bis heute.

Tatsache ist: Die Preise stiegen steil an. Der Terrorüberfall vom 11. September 2001 mit seinem Milliardenschaden tat ein Übriges, die höheren Prämienforderungen der Versicherer für die Kunden plausibel erscheinen zu lassen. Gleichzeitig entwickelte sich der Schadentrend positiv für die Assekuranz. Die Folge: Die Jahre 2004 bis 2006 waren die besten in der Geschichte der Industrie- und Gewerbeversicherer, auch wenn die Preise schon wieder sinken.

Das zieht die neuen Anbieter auf den Markt. Den Kunden ist es recht. Sie hatten nach der Übernahme von Gerling durch Talanx/HDI befürchtet, dass mit Allianz, HDI-Gerling, Axa und Zurich nur noch eine Handvoll Anbieter zur Verfügung steht.

Eine solche Marktsituation nutzt grundsätzlich den Maklern. Die Kunden brauchen Beratung, um die möglichen Preissenkungen auch durchzusetzen und die Chancen durch neue Anbieter zu nutzen. Allerdings leiden die Makler unter den fallenden Prämien, ihre Provisionen gehen meistens ebenfalls zurück.

2007 hat noch kein Ende des Preiskampfs unter den Versicherern gebracht, 2008 könnte eine Wende sehen, glaubt Peter Wesselhoeft, Partner beim Hamburger Makler Gossler, Gobert & Wolters. Ob die „weiche“ Phase, wie die Versicherer den Niedrigpreismarkt nennen, anhält, lasse sich schwer sagen. „Das hängt vom Schadenverlauf und den Rückversicherungsmärkten ab“, sagt er. Zurzeit seien Versicherer bereit, für industrielle Sachversicherungen Mehrjahresverträge abzuschließen. Das sollten Kunden nutzen. Die Wachstumsziele der Versicherer eröffneten Kunden mit wenig Schäden in der Vergangenheit „Spielräume für Preisreduktionen und Bedingungserweiterungen“, hat Wesselhoeft festgestellt. Auf der Gegenseite stagnieren Preise und Bedingungen für schadenträchtige oder besonders exponierte Risiken.

Selbst für Katastrophenrisiken, das ist vor allem Sturm, sei der Markt auf dem im internationalen Maßstab niedrigen Niveau stabil. Trotz der Milliardenschäden durch „Kyrill“ und „Lothar“, die Wesselhoeft mit 4 Mrd.Euro beziffert, bleibe dieser Trend auch wohl 2008 erhalten.

Georg Bräuchle, Geschäftsführer der deutschen Tochter des Großmaklers Marsh, sieht auch in der notorisch schwierigeren Haftpflichtsparte ausreichend Spielraum. „Selbst im exponierten Geschäft sind Prämienreduzierungen erreichbar“, sagt Bräuchle. Dazu zählt er Chemie- und Pharmarisiken, Rückrufkostendeckungen und die Versicherung von Krankenhäusern. „Allerdings wollen die Versicherer hier selten Mehrjahresverträge abschließen.“ Bräuchle hat auch die Kehrseite der Großzügigkeit der Assekuranz beim Preis ausgemacht. „Wir beobachten eine sehr zurückhaltende Schadenregulierung“, sagt er. Früher sei das auf Großschäden beschränkt gewesen, heute gelte es auch bei Kleinstschäden im unteren vierstelligen Bereich.

Auch Bräuchle setzt große Hoffnungen auf die positive Wirkung der neuen Anbieter. „Hier sind gleich mehrere Hechte im Karpfenteich aufgetaucht“, sagt er.

Auch in der Flottenversicherung von Fahrzeugen spüren die Makler die weiche Marktphase. „Wir haben jetzt das vierte Jahr mit Preissenkungen“, sagt Bräuchle. Bei den Verträgen für 2008, die zurzeit abgeschlossen werden, werde die Senkung aber nicht mehr als fünf Prozent ausmachen. „Der Kraftfahrtversicherungsmarkt bewegt sich bei den Prämien auf dem Niveau der Jahre 1995 und 1996, obwohl damals zwölf Prozent weniger Fahrzeuge versichert waren“, sagt Bräuchle.

Auch in der Autoversicherung gingen die Versicherer zunehmend von einer kulanten zu einer restriktiven Schadenregulierung über. Bräuchle sieht Ende 2008 eine mögliche Wende in der Autoversicherung. Dann würden Industrie- und Dienstleistungskonzerne mit größeren Flotten sich wieder verstärkt mit Selbsttragungsmodellen befassen – und dafür die Hilfe der Makler in Anspruch nehmen.

Kopfzerbrechen bei Industrie und Maklern löst auch das am 14. November in Kraft getretene neue Umweltschadensgesetz aus. „Traditionell deckt die Haftpflichtversicherung Risiken der privatrechtlichen Haftung“, erläutert Bräuchle. A schädigt B und muss dafür einstehen, dafür hat er sich versichert. „Mit dem Umweltschadensgesetz wird eine öffentlich-rechtliche Haftung eingeführt und durch die Versicherung gedeckt“, sagt er. Dabei geht es um Schäden an der biologischen Vielfalt, also an geschützten Arten und natürlichen Lebensräumen. Das kann beispielsweise die Vernichtung eines Fischbestands sein, wenn eine Halle brennt und dadurch Gifte mit Löschwasser in einen Fluss gelangen. Umweltbehörden können dann die Wiederansiedlung der Fischart verlangen. Mit dem Modell des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) ist Bräuchle nur bedingt einverstanden. „Leider sieht das GDV-Modell keine Deckung für Schäden aus dem Normalbetrieb vor.“ Das Gesetz nehme aber Unternehmen für solche Schäden durchaus in Haftung. Auch der Mangel an Mitversicherung von Auslandsschäden und ausländischen Werken sei ein Problem, so Bräuchle.

Zitat:

“ „Hier sind mehrere Hechte im Karpfenteich aufgetaucht“ “ – Georg Bräuchle, Marsh –

Bild(er):

„Ihr guten Mädchen! Ach, wie schön ist dieses Beispiel anzusehn! Zuweilen auch, bei kühler Zeit, trieb ihn der Geist zur Einsamkeit. So dass er morgens auf dem Pfühle, entfernt vom Schul- und Weltgewühle, bis in den hellen Wintertag, ein stiller Klausner, sinnend lag“ – akg-images

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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