Der Unverstandene

Allianz-Chef Michael Diekmann muss den Investoren etwas Neues bieten, um sich zu halten

Michael Diekmann klang am 21. Februar deutlich weniger forsch als bei früheren Gelegenheiten. Die Allianz-Aktie habe 2007 eine „unbefriedigende Kursentwicklung“ genommen, sagte der 53-jährige Vorstandschef von Europas größtem Versicherungskonzern, als er die Kernzahlen für das Jahr 2007 vorstellte. Seither hat das Papier weiter an Wert verloren – im Jahr 2008 bisher 24 Prozent. Aus Sicht des studierten Juristen, der seit 1988 bei der Allianz arbeitet und dort binnen 15 Jahren eine steile Karriere bis an die Spitze hingelegt hat, sind die Märkte undankbar.

Als Diekmann 2003 die Führung übernimmt, hat der Konzern gerade das schlechteste Jahr seit 1949 hinter sich. Die Aktienkrise hat die Allianz schwer gebeutelt, die stolze Gruppe muss für 2002 einen Jahresverlust von 1,2 Mrd. Euro melden.

Unter Führung Diekmanns ändert sich das rasch. Der Bauunternehmerssohn und Kanusportler reorganisiert den Konzern, expandiert vor allem in Schwellenländern und stößt einen Großumbau im Kernmarkt Deutschland an. 2006 kann Diekmann schließlich einen Gewinn von 7 Mrd. Euro melden, 2007 sogar 8 Mrd. Euro – das beste Nachsteuerergebnis, das ein deutscher Konzern je erreicht hat.

Aber die Anleger lieben die Allianz trotzdem nicht. Zwar legt die Aktie nach Diekmanns Amtsantritt ordentlich zu, von damals 63 Euro auf 176 Euro Ende Juni 2007. Doch seither ist das Papier im Sinkflug. Am Donnerstag kostet es noch 113 Euro. Die Allianz leidet wie die gesamte Versicherungsbranche unter dem Vertrauensverlust für Finanzwerte in der Subprime-Krise. Dass immer neue Belastungen bei der Tochter Dresdner Bank auftauchen, stützt das Urteil skeptischer Investoren noch – auch wenn die Dresdner sich weniger betroffen sieht als andere Banken.

Der wortkarge Ostwestfale Diekmann hat bisher nie Zweifel an dem eingeschlagenen Kurs anklingen lassen. Jetzt muss er sie haben. „Diekmann hört auf die Märkte“, sagt ein Manager aus seiner Umfeld. Der Konzernchef spürt: Er kann nicht einfach so weitermachen.

Seine Ankündigung, die Dresdner Bank in zwei separate Institute zu teilen, ist der erste Schritt. Der frühere Kleinverleger Diekmann schafft sich damit den Freiraum, die Investmentbank zu verkaufen und die Privat- und Firmenkundenbank zu fusionieren – beispielsweise mit der Postbank, auf die er ein Auge geworfen hat.

Noch nicht entschieden hat er sich, wie er die Neuorientierung dem Markt verkaufen will. Bislang spricht das Unternehmen von einer „konsequenten Fortsetzung des bisherigen Weges“, den die Teilung der Bank bedeute. Es kann sein, dass Diekmann bald von einem radikalen Kurswechsel sprechen muss, wenn er die Märkte begeistern will. Angst vor drastischen Schnitten hat der Mann jedenfalls nicht, das hat er bereits bewiesen.Herbert Fromme

Allianz leidet 20

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit