Provinzial Kiel schrumpft sich gesund

Sparkassen-Versicherer erwirtschaftet nach zwei Verlustjahren wieder kleinen Gewinn · Interview mit Chef Rüther

Von Patrick Hagen und Herbert Fromme, Köln Nach schwerer Krise kämpft sich der zum Sparkassenlager gehörende Regionalversicherer Provinzial Nord in Kiel in die Gewinnzone zurück. 2007 sei wieder „leicht gewinnbringend“ gewesen, sagte Ulrich Rüther, Chef der Provinzial Nord Brandkasse, der FTD. 2005 hatte die Gesellschaft nach Steuern einen Verlust von 105 Mio. Euro eingefahren, 2006 waren es noch 17 Mio.Euro gewesen.

Die Kieler Provinzial hatte sich 2004 mit dem Namensvetter in Münster zur Provinzial Nordwest zusammengeschlossen und ist tätig in Westfalen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg. Auf Nordwestebene ist Rüther Vizechef der Holding und Chef des Lebensversicherers.

Die Prämieneinnahmen in der Schaden- und Unfallversicherung gingen 2007 um fünf Prozent auf 440 Mio. Euro zurück. „Das war so geplant“, sagte Rüther. „Wir hatten uns vorgenommen, 2006 und 2007 das Geschäft abzubauen, das nicht zu uns passte und Verluste brachte.“ Bewusst getrennt habe sich der Versicherer von Haftpflichtdeckungen und der Versicherung von Autoflotten für Großkunden. „Jetzt haben wir einen Kfz-Versicherungsanteil, der zu uns als mittelständischem Versicherer passt.“

Für einen Regionalversicherer, der eng mit der heimischen Wirtschaft verbunden ist, ist ein solcher Schrumpfprozess nicht leicht. Schließlich waren es viele Unternehmen gewohnt, dass „ihr“ Versicherer alle Risiken übernimmt. Rüther musste deshalb einen deutlichen Kurswechsel vornehmen. Die Provinzial Nord hatte lange vor allem auf Wachstum gesetzt, unprofitables Geschäft gezeichnet und außerdem einen schweren Rückschlag durch die Börsenkrise zu Beginn des Jahrzehnts erlitten. Die Fusion mit Münster wurde in weiten Teilen des Markts als Notoperation gesehen.

Inzwischen hat der Versicherer seine Führung verschlankt und den Vertrieb umgebaut. Die Provinzial vertreibt ihre Policen über den eigenen Außendienst, Makler und die Sparkassen. Der Verkauf über Bankschalter funktioniert vor allem bei Lebensversicherungen. „Wir haben hier einen Neugeschäftanteil über die Sparkassen von gut 60 Prozent“, sagte Rüther. Die eigenen Vertreter kommen auf 30 Prozent, Makler auf zehn Prozent.

Damit ist er nicht zufrieden. „Ich glaube, dass unser Potenzial mit den Sparkassen noch bei Weitem nicht erschöpft ist“, sagte er. Der Marktanteil der Sparkassen von etwa 50 Prozent bei Girokonten lasse erkennen, wie groß die Möglichkeiten seien. „Wir kratzen erst an der Oberfläche“, sagte Rüther. Dazu will er den Sparkassen mehr „bankaffine“ Produkte wie fondsgebundene Lebens- und Rentenverträge zur Verfügung stellen.

Bei Auto-, Gebäude- oder Unfallpolicen dagegen verkauft der eigene Außendienst 60 Prozent, die Sparkassen nur zehn Prozent. Das bleibe so. „Ich glaube nicht, dass ein Sparkassenmitarbeiter von sich aus die Liebe zur Haftpflicht-, Hausrat- oder Wohngebäudeversicherung entdeckt“, sagte Rüther. Er tritt für ein Modell ein, das Kunden an Provinzial-Vertreter weiterleite.

Zu den erkennbaren Problemen, in denen das gemeinsame IT-Projekt von Provinzial Nordwest und SV Versicherung Stuttgart steckt, wollte Rüther keine Einzelheiten nennen. „In einem so großen IT-Projekt gibt es immer mal wieder Schwierigkeiten“, sagte er nur. Mit „Apollo“ wollen die Versicherungsgruppen in Münster und Kiel auf der einen und in Stuttgart auf der anderen Seite eine gemeinsame IT-Plattform schaffen, die auch für andere öffentliche Versicherer interessant sein könnte. Die Entwicklung kommt aber bislang nur schleppend voran und ist deutlich teurer als erwartet.

Zitat:

„Wir kratzen erst an der Oberfläche“ – Ulrich Rüther,VorstandsvorsitzenderProvinzial Nord –

Bild(er):

Ulrich Rüther, 40, kam 2006 zur Provinzial Nordwest. Vorher arbeitete der gelernte Bankkaufmann und Betriebswirt bei Gerling und der Münchener-Rück-Tochter Ergo – FTD/Oliver Schmauch

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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