Risiko beseitigen statt versichern

Kunden, Rating-Agenturen und Assekuranz verlangen von Unternehmen Prävention

Von Patrick Hagen und Anja Krüger Der Versicherer hat den Feuerschaden ohne Schwierigkeiten reguliert. Das Unternehmen ist einige Monate nach dem Brand trotzdem am Ende. So etwas geschieht Firmen nicht selten. Der beste Versicherungsschutz nützt einem Unternehmen nichts, wenn die Kunden nach einem Großschaden zur Konkurrenz abwandern. Denn die Wettbewerber warten nur darauf, in die Bresche zu springen, wenn eine Firma nach einem Unfall die Produktion zeitweise einstellen muss.

Gefahrenabwehr sollte deshalb bei Herstellern hoch im Kurs stehen. Und tatsächlich setzen immer mehr Firmen auf systematische Schutzvorkehrungen und beschäftigen dafür Risikomanager, die häufig nach ihren angelsächsischen Vorbildern Risk-Manager genannt werden. „Es gibt ein Umdenken bei Unternehmen, sie betrachten ihre Risiken heute anders als früher“, sagt Florian Karle, Geschäftsführer beim Makler Südvers. Makler vermitteln nicht nur Versicherungspolicen, sondern unterstützen Kunden auch intensiv bei der Schadenverhütung. Immer mehr Unternehmen setzen auf präventive Maßnahmen, sagt Karle. Sie kaufen nicht nur den erforderlichen Versicherungsschutz ein. Die Risikomanager der Firmen ermitteln mithilfe von Fachleuten Gefahrenherde und suchen nach Möglichkeiten, sie in den Griff zu bekommen. Lagern in einer Halle etwa Lösungsmittel oder andere schnell entzündliche Flüssigkeiten, muss das Unternehmen Schutzvorkehrungen treffen. Brände richten in deutschen Firmen die größten Schäden an, danach folgen Explosionen und Naturkatastrophen. „Aber der Standard der Prävention ist in Deutschland immer noch deutlich schlechter als in den USA.“ So gibt es nach seinen Erfahrungen wenig Unternehmen, deren Werkshallen durchgehend mit Sprinkleranlagen ausgestattet sind.

Auch wenn die Aufgaben des Risikomanagers weit über den Versicherungseinkauf hinausgehen, sind die meisten in der dafür zuständigen Abteilung angesiedelt. „Die Mitarbeiter dieser Abteilung bewerten schließlich die Risiken“, erklärt Gerhard Heidbrink, Vorstand bei HDI-Gerling, dem Marktführer in der industriellen Sachversicherung. „Bei den Verhandlungen mit dem Versicherer müssen Einkäufer über ihre Risiken gut Bescheid wissen.“ Versicherer dringen zunehmend auf Schutzvorkehrungen. „Bei den allermeisten Industrieunternehmen ist mittlerweile ein Bewusstsein dafür vorhanden“, sagt Heidbrink.

Firmen bekommen auch Druck von Abnehmern und Ratingagenturen. Kunden wollen sicherstellen, dass ihre Lieferkette nicht unterbrochen wird. Ratingagenturen beziehen in ihre Analysen zunehmend Informationen über das Risikomanagement ein. Dazu kommt Druck vom Gesetzgeber. Mit Alibi-Stellenbesetzungen kommen Firmen nicht weiter, die Risikomanager müssen etwas zu sagen haben. „Die Position des Risk-Managers muss beim Vorstand oder der Geschäftsführung angesiedelt werden“, sagt Heidbrink.

Wer seine Risiken kennt und sie einschätzen kann, kann für den Schadenfall eine höhere Eigenbeteiligung vereinbaren oder ganz auf Policen verzichten und so Prämien sparen. Der Kraftwerksbetreiber Eon trägt sehr viele Risiken selbst. „Der Eigenbehalt in der Sachversicherung ist im Konzern größer als 10 Mio. Euro“, sagt Klaus Greimel, Geschäftsführer von Eon Risk Consulting in Düsseldorf, der das Risikomanagement für den Energiekonzern organisiert. „Den Normalschadenbereich tragen wir selbst.“ Eon benutzt eine sogenannte Captive als Erstversicherer, hat also eine eigene Tochtergesellschaft als Risikoträger. „Unvorhersehbare Schäden geben wir an die Rückversicherer“, sagt Greimel. „Wir sind aber seit Jahren im Rückversicherungsmarkt schadenfrei.“

Zitat:

„Den Normalschadenbereich tragen wir selbst“ – Klaus Greimel, Eon –

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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