Vor der entscheidenden Runde

Noch verdienen die meisten IndustrieversichererGeld – wenn auch weniger als erhofft. Was die Zukuft bringt, zeigt sich bei den Verhandlungen für 2009. Beugen sich die Gesellschaften noch einmal ihren Kunden,müssen sie mit Verlusten rechnen

VON Herbert Fromme Die Zeiten sind gut für die Versicherungschefs und Einkäufer der großen Konzerne. „Alles außer Tiernahrung“, sagt grinsend der Manager eines Dax-Konzerns in Anspielung auf den Werbeslogan eines Baumarkts, der 20 Prozent Rabatt auf fast alle seine Produkte verspricht. In seiner jüngsten Verhandlungsrunde mit der Assekuranz hat er 20 Prozent Preissenkungen durchgesetzt. Die heftigen Konvulsionen im Kreditmarkt haben bisher nur wenige Versicherer erreicht, die Krise beeinflusst ihr Marktverhalten kaum.

Kein Zweifel: Die Phase von Preissteigerungen und Rekordgewinnen, die 2000 begann und durch den Terroranschlag vom 11. September 2001 gewaltig verstärkt wurde, ist vorbei. Seit etwa drei Jahren fallen die Preise wieder. Der Versicherungszyklus – hohe Preise locken Kapital an, die höhere Kapazität sorgt dafür, dass die Preise wieder sinken – ist intakt. Die Branche spricht von hartem Markt, wenn die Preise steigen; von weichem Markt, wenn sie fallen.

„Die Prämien in der Industrieversicherung gaben auch im zweiten Halbjahr 2007 nach oder stagnierten auf niedrigem Niveau“, sagt Georg Bräuchle, Chief Operating Officer von Marsh Deutschland. In Deutschland seien viele Gesellschaften bereit, mit den ohnehin niedrigen Preisen weiter nach unten zu gehen, um attraktive Großkunden zu halten oder zu gewinnen. „So konnten Fonds mit großen Immobilienportfolios hohe Nachlässe für ihre Gebäudeversicherung erhalten,“ sagt Bräuchle.

Die Versicherer trösten sich damit, dass in den Wortlauten der Versicherungsverträge die Nachgiebigkeit der einzelnen Unternehmen weniger ausgeprägt ist als in vorhergehenden Zyklen. Es sind aber vor allem die aus Sicht der Versicherer allzu kundenfreundlichen Bedingungen, die auf Jahre hinaus die Schadenbilanzen rot färben, und zwar nachhaltiger als die fallenden Preise.

Die großen Versicherungs- und Rückversicherungskonzerne sind in keiner beneidenswerten Situation. Denn einerseits liefern sie sich mit den Wettbewerbern in dem überschaubaren Markt einen heftigen Konkurrenzkampf. Andererseits versichern sie Anlegern und Analysten, dass sie keineswegs in die bösen Fehler der Jahre 1997 bis 2001 zurückfallen, in denen die Branche hohe Verluste aus Versicherungsrisiken einkalkulierte, weil sie auf noch höhere Erträge aus der Kapitalanlage der großen Geldsummen setzte, die sie bewegt. Die Preise seien auskömmlich oder „risikoadäquat“, heißt es. Das führt bei manchem Versicherungseinkäufer der Industrie zu der irritierten Frage, wie denn die Preise vor drei Jahren gewesen seien, wenn sie heute risikoadäquat sind – etwa deutlich überhöht?

Außerdem betonen die großen Industrieversicherer, sie würden kein Geschäft zeichnen, dass schon von vornherein als verlustbringend gilt. „Wir geben solches Geschäft lieber auf“, sagt Clement Booth, Vorstandsmitglied des Allianz-Konzerns mit Verantwortung für die Industrieversicherung. „Wenn es sein muss, geben wir auch 50 Prozent des Volumens beim Industriegeschäft auf.“ Auch HDI-Gerling, im deutschen Industriegeschäft der schärfste Rivale der Allianz, spricht von „diszipliniertem Verhalten“.

Was von diesen Versprechen übrig bleibt, wird die Vertragserneuerung 2009 zeigen, die im Spätherbst beginnt. Geben die Versicherer hier noch einmal nach, so die vorherrschende Branchenmeinung, ist der Markt endgültig nach unten gekippt. Erst wenn hohe Verluste Unternehmen zum Verlassen des Markts bewegen, ändert sich das wieder.

Im Moment sieht es nicht so aus, als ob die Branche den Absturz vermeiden kann. Zu heftig ist der Wettbewerb – vor allem zwischen den Platzhirschen Allianz und HDI-Gerling, 2006 aus der Übernahme der Gerling-Gruppe durch die HDI-Obergesellschaft Talanx entstanden. Daneben sind Zürich, Axa, AIG, R+V, Chubb und die Sparkassenversicherer wichtige Wettbewerber. Die spanische Mapfre und die japanische Mitsui Sumitomo sind ebenfalls seit Kurzem in Deutschland aktiv. Rückversicherer wie Münchener Rück und Swiss Re bieten zunehmend direkt beim industriellen Endkunden ihre Kapazitäten an.

Die Industrie nimmt die Preissenkungen gerne mit, schließlich geht es um riesige Summen. Bei Siemens etwa dürften es nach Schätzungen mehr als 200 Mio. Euro sein, die der Konzern für weltweit mehr als 800 Betriebsstätten für Versicherungen ausgibt. Aber bei dem Gedanken, dass die Marktsituation zu großen Erschütterungen auf Versichererseite führt, ist den Einkäufern nicht wohl. Sie brauchen langfristig stabile Beziehungen mit Versicherern, die hohe Kapazitäten vorhalten.

Zitat:

“ „Wir geben solches Geschäft lieber auf“ “ – Clement Booth, Vorstandsmitglied Allianz, über Verlustbringer –

Bild(er):

Charakteristisch für das Perlboot (Nautilus) ist die Spiralschale, die aus vielen Kammern besteht. In der jüngsten, vordersten Kammer steckt der Weichkörper des Tieres, von dem sich ein Fortsatz durch die älteren Segmente zieht und sie so mit Gas füllt, dass er in der Lage ist, im Wasser zu schweben – Getty Images/Jim Wehtje

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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