Zahlbar in Verschmutzungsrechten

Unternehmen, die durch klimafreundliche Projekte im Ausland Emissionszertifikate kaufen wollen, können sich gegen einen Flop versichern. Das sei aber nicht in jedem Fall sinnvoll, sagen Experten

VON Katrin Berkenkopf Der Plan klang gut: Das deutsche Stahlunternehmen sollte in ein Deponiegas-projekt in Brasilien investieren. Klimaschädliches Methangas würde hier abgefackelt und zusätzlich Strom erzeugt, hieß es. Dafür sollte das Unternehmen Gutschriften für Verschmutzungsrechte erhalten, die es hierzulande nutzen kann. Doch die Technik erwies sich als unerwartet kompliziert, und der Klimaeffekt war weniger positiv als gedacht. Der Stahlproduzent stand ohne ausreichende Emissionszertifikate da und musste an der Börse teure Verschmutzungsrechte kaufen.

So etwas könnte Unternehmen leicht passieren. Neuerdings haben sie die Möglichkeit, dieses Risiko zu versichern. Seit 2005 müssen die Betreiber größerer Industrieanlagen und Kraftwerke, die Kohlendioxid ausstoßen, am europaweiten Emissionshandel teilnehmen. Das heißt: Sie müssen für jede Tonne CO2, die sie in die Umwelt abgeben, ein Emissionszertifikat vorweisen. In der ersten Handelsperiode bis Ende 2007 erhielten die meisten Firmen genug kostenlose Verschmutzungsrechte, sie mussten keine weiteren erwerben. Für die zweite Periode, die gerade begonnen hat, rechnen die meisten Experten aber mit einer starken Verknappung der Zertifikate. Die Unternehmen brauchen zusätzliche Rechte. Durch eine Emissionsreduzierung in anderen Teilen der Welt können Firmen diese Rechte erwerben. Diese sogenannten CDM-Projekte (Clean Development Mechanism) sind aber riskant.

„Der Wissensstand der Industrie ist extrem schlecht. Risikomanagement gibt es in diesem Bereich gar nicht“, sagt Dirk Kohler, Chef von Carbon Re Securities. Der neu gegründete und eigenständige Versicherer will Kunden dagegen absichern, dass der Windpark oder die Deponiegasanlage die versprochenen Zertifikate etwa wegen Produktionsengpässen oder unvorhergesehenen politischen Ereignissen nicht liefern. Entschädigung gewährt Carbon Re Securities in Form von Emissionszertifikaten. Denn am Ende nütze dem enttäuschten Investor kein Geld, sondern nur ein verwertbares Verschmutzungsrecht, sagt Kohler.

„Das politische Risiko in den Ländern wird stark unterschätzt“, sagt er. So habe die chinesische Regierung einen Mindestpreis für die Zertifikate aus den umweltfreundlichen Projekten festgelegt. Zu diesem Zeitpunkt waren aber schon Verträge geschlossen, die von anderen Preisen ausgingen. Auch manche Technologien funktionierten nicht wie von Initiatoren und Anlegern erhofft, das gelte etwa für die Abfackelung von Deponiegas.

Carbon Re Securities sitzt in der Schweiz und durchläuft derzeit den Zulassungsprozess für die Europäische Union. Ist der abgeschlossen, erwartet Kohler auch die Unterzeichnung der ersten Policen. „Unsere Kapazität ist im Vergleich zur Nachfrage zu gering.“

Nicht alle Teilnehmer am Emissionshandel teilen diese Einschätzung. „Das ist kein Massenprodukt, sondern nur in speziellen Fällen sinnvoll“, sagt Stefan Kleeberg von der First Climate Group. Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben der führende Asset-Manager im Bereich CO2 in Deutschland. Firmen wie First Climate und die Zertifikate-käufer, die von ihnen beraten werden, hätten ihre eigene Risikobewertung für CDM-Projekte. „Das ist vielleicht für solche Käufer geeignet, die nicht über entsprechendes Hintergrundwissen verfügen.“

Das glaubt auch Nino Turek vom Ingenieurdienstleister Fichtner: „Für Unternehmen, die nur aus einzelnen CDM-Projekten Zertifikate beschaffen und nicht über ein breites Markt Know-how verfügen, kann es sinnvoll sein, sich abzusichern“, sagt er. Große Firmen oder Energieversorger hätten dagegen eigene Abteilungen, die sich mit einer Vielzahl von Projekten beschäftigen und sich daher im Markt gut auskennen. Am Ende müsse jedes Unternehmen durchrechnen, ob sich die Zahlung der Prämie lohnt, meinen Turek und Kleeberg.

Kohler will zur Höhe der möglichen Prämie nichts sagen. Sie sei vom Risiko der jeweiligen Projekte abhängig. Er ist vom Erfolg der Police jedenfalls überzeugt, vor allem, da sie bislang einzigartig ist. „Die Versicherungswirtschaft hat keine Ahnung von diesem Riesenmarkt.“

Das hat auch die Münchener Rück beobachtet. Der Rückversicherer hat die Kyoto Multi Risk Policy für Risiken aus Klimawandel und Emissionshandel entwickelt. Das Angebot richtet sich an Erstversicherer, die daraus eigene Produkte entwickeln können. Bislang ist Carbonre Securities der einzige Kunde. „Das Produkt ist eine Synthese aus Sachversicherung, Kaution und Kredit zusammen mit politischem Risiko“, erklärt Richard Wulff, Abteilungsleiter Credit and Surety, die Zurückhaltung der Assekuranz. „Die Schwierigkeit besteht darin, diese Bereiche zusammenzubekommen.“

Neben den am Emissionshandel beteiligten Unternehmen seien auch Händler oder Investmentbanken, die in diesem Bereich aktiv sind, mögliche Versicherungskunden. „Die Nachfrage ist da, wenn auch nicht so hoch wie erwartet“, sagt Wulff.

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Die räuberischen Wendeltreppen-Schnecken sind mit zahlreichen Arten in den Weltmeeren vertreten. In tropischen Gewässern lebt die echte Wendeltreppe, die bei Sammlern sehr beliebt ist. Anders als in der Vergangenheit sind ihre Liebhaber aber nicht mehr bereit, ein Vermögen für sie auszugeben. Kaiser Franz I. soll 4000 Gulden für ein Exemplar bezahlt haben – Getty Images/Jim Wehtje

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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